Seit mehr als 15 Jahren ist eindeutig belegt, dass der moderne Mensch intimen Kontakt zu anderen Menschenarten gehabt haben muss: Im menschlichen Erbgut identifizierten Forschende 2010 Spuren des Neandertalers, nur kurze Zeit später wurde klar, dass es vor Zehntausenden Jahren auch zur Vermischung mit dem ausgestorbenen Denisova-Menschen gekommen war.
Aber noch weitere Frühmenschenarten dürften ihre Spuren im menschlichen Erbgut hinterlassen haben, darauf gibt es schon länger Hinweise. Mithilfe einer neuen computerunterstützten Methode ist es den Forschern und Forscherinnen um Yulin Zhang von der University of California, Berkeley nun gelungen, eine Art Stammbaum des menschlichen Erbguts zu erstellen und so die genetischen Überreste von zwei ausgestorbenen „Geistervorfahren“ zu identifizieren.
Viele Gene erhalten
Ein halbes bis ein Prozent des menschlichen Genoms geht laut der im Fachmagazin „Science“ erschienenen Studie auf einen der beiden zurück. Das entspricht ungefähr der verbliebenen Menge an Neandertalergenen. Die Erbgutreste des „Geistervorfahrens“ sind dabei relativ gleichmäßig über die ganze DNA verteilt, wobei nicht alle Menschen dieselben Teile tragen.
Insgesamt könnte sogar das ganze Genom der ausgestorbenen Art erhalten sein – anders als beim Neandertaler oder beim Denisova-Menschen, von denen nur wenige Gene erhalten sind. Das könnte daran liegen, dass diese Populationen eher klein waren und ihr Erbgut womöglich viele schädliche Mutationen aufwies, erklärt die Koautorin Priya Moorjani gegenüber dem „New Scientist“. Wahrscheinlich handelte es sich bei den „Geistervorfahren“ um eine deutlich größere Gruppe.
Laut dem Team muss die Vermischung vor mehr als 50.000 Jahren stattgefunden haben, vor der letzten Auswanderungswelle aus Afrika, da alle heutigen Menschen Träger sind. Vermutlich habe sich die Menschenart – ähnlich wie jene der Neandertaler und der Denisova-Menschen – vor etwa 800.000 Jahren von der Linie des modernen Menschen getrennt. Der Genaustausch mit dem modernen Menschen habe aber wahrscheinlich früher als mit Neandertaler und Denisova stattgefunden.
Vermischung in Urzeit alltäglich
Die genetischen Spuren des zweiten mysteriösen und laut den Forschenden superarchaischen Vorfahren stammen von einer 1,8 Millionen Jahre alten Homininen-Linie, die sich wahrscheinlich in Eurasien mit dem Denisova-Menschen vermischt hat. Über diesen Umweg ist das Material dann im menschlichen Genom gelandet.
Wie der renommierte Anthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London gegenüber dem „New Scientist“ mutmaßt, könnte es sich bei dem ersten „Geistervorfahren“ um den Homo heidelbergensis handeln, der vor 300.000 Jahren in Afrika gelebt hat. Der wahrscheinlichste Kandidat für den superarchaischen Vorfahren sei der Homo erectus.
Nützliche Genvarianten
Wie Moorjani in einer Aussendung zur Studie erklärt, legen die Ergebnisse nahe, dass die Vermischung verschiedener Menschenarten wohl die längste Zeit und schon sehr früh alltäglich war.
Die meisten alten Gensequenzen stehen in Zusammenhang mit Immunität und dem Stoffwechsel. Das sei nicht überraschend, so Moorjani: „Die Anpassung an Krankheitskeime und neue Nahrungsquellen erzeugte einen starken Selektionsdruck in der menschlichen Evolution. Nützliche Genvarianten wurden vermutlich behalten und an die nächsten Generationen weitergegeben.“ Das Team hofft mit der neuen Methode noch Spuren anderer „Geistervorfahren“ im Erbgut des modernen Menschen zu finden.