Schon den Dinosauriern sind sie um die Nase geflattert: Schmetterlinge leben seit mindestens 201 Millionen Jahren auf der Erde – und das in fast allen Lebensräumen. Ob Arktis, Wüste oder Hochgebirge: Die Insekten sind erstaunlich anpassungsfähig. Nun breiten sie sich weiter aus, wie eine weltweite Studie zeigt, die im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlicht wurde.
Klimawandel als treibende Kraft
Ein Forschungsteam rund um den Umweltbiologen Shawan Chowdhury untersuchte dafür 1.758 Schmetterlingsarten – rund zehn Prozent aller bekannten Falterarten. Dabei stellten die Forschenden vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) fest, dass 80 Prozent der Schmetterlinge ihren ursprünglichen Lebensraum vergrößert haben.
Die Hauptursache: Klimawandel und extreme Wetterereignisse zwingen die Insekten dazu, günstigen Umweltbedingungen zu folgen und so ihre Verbreitungsgebiete zu verlagern.
Verschobene Lebensräume
Ein Beispiel ist der Schmetterling Godartiana byses in Brasilien, der sich aufgrund der Klimaerwärmung weit über seinen natürlichen Lebensraum hinaus ausgebreitet hat. Er kommt heute nicht mehr nur in den Bundesstaaten Rio de Janeiro und Bahia vor, sondern auch etwa 1.100 Kilometer weiter südlich im Bundesstaat São Paulo .
Gleichzeitig verkleinerten 27 Prozent der Schmetterlingsarten ihr Verbreitungsgebiet. Der Hochmoor-Perlmuttfalter (Boloria aquilonaris) in Deutschland verlor etwa große Teile seines ursprünglichen Lebensraums. Den Grund dafür sieht die Studie vor allem in der Entwässerung von Mooren.
Weitere 22 Prozent der Falterarten weisen zudem Veränderungen in der Höhenlage auf. Insgesamt sind nämlich rund zwei Drittel aller Schmetterlingsarten überwiegend in Gebirgsregionen beheimatet. Infolge des Klimawandels verschlechtern sich dort jedoch ihre Lebensbedingungen, was sie zum Umsiedeln bewegt.
Erstaunliches Ausmaß
„Wir haben festgestellt, dass Schmetterlingsarten auf jedem Kontinent, auf dem sie vorkommen, ihre Verbreitungsgebiete verlagern“, erklärt Erstautor Chowdhury. Das Ausmaß sei erstaunlich, und es ginge weit über die gut untersuchten Regionen Europas und Nordamerikas hinaus.
Diese Studie ist die bisher umfassendste ihrer Art und analysiert mithilfe von Datensätzen aus insgesamt 105 Ländern, wie sich die Lebensräume der Schmetterlinge verschoben haben. Dabei stützt sie sich auf wissenschaftliche Literatur sowie auf 68 Expertengutachten.
Frühindikatoren für Veränderungen
Demnach erschließen Schmetterlinge auf allen Kontinenten neue – bis dato untypische – Lebensräume. Besonders stark lässt sich diese Entwicklung in tropischen Ländern wie Brasilien und Benin beobachten.
In gemäßigten Klimazonen wie Europa und Nordamerika wurden sich die Verbreitungsgebiete vieler Arten hingegen kleiner bzw. weniger. Schmetterlinge, die in höhere oder tiefere Gebiete wandern, wurden indes fast nur auf der Nordhalbkugel beobachtet.
Laut Umweltbiologe Chowdhury sind Schmetterlinge wichtige Frühindikatoren für Veränderungen: „Wenn sich ihre Verbreitungsgebiete so dramatisch verschieben, deutet dies auf tiefgreifende Veränderungen in den Ökosystemen hin.“
Gravierende Lücken
Die Studie zeigt außerdem deutliche Unterschiede darin, wie umfassend verschiedene Länder Schmetterlinge und ihre natürlichen Lebensräume aufzeichnen. Besonders gut untersucht sind die Tschechische Republik, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden. Diese fünf Länder haben mehr als die Hälfte der dort heimischen Schmetterlingsarten erfasst.
In anderen Ländern wiederum sind nur etwa zehn Prozent der dort vorkommenden Arten erforscht, was an einer mangelnden Überwachung und fehlenden Daten liegt. Gravierende geografische Datenlücken gibt es laut der Studie etwa in Zentralafrika, Südostasien, Neuguinea und im Amazonasbecken – allesamt Regionen, die trotz ihrer Bedeutung als globale „Biodiversität-Hotspots“ kritisch unterrepräsentiert seien.
„Die Studie trägt dazu bei, ein ausgewogeneres Bild zu vermitteln, zeigt aber auch, dass gemeinsame Maßnahmen zur Ausweitung der Überwachungsbemühungen weltweit dringend erforderlich sind“, erklärt der leitende Autor Guy Pe’er.