Entzündete druckempfindliche und geschwollene Gelenke sind die Kennzeichen einer rheumatoiden Arthritis. Zur Entstehung dieser Autoimmunerkrankung, von der in Österreich rund 80.000 Menschen betroffen sind, tragen genetische Faktoren ebenso bei wie Veränderungen des Immunsystems – etwa durch das Epstein-Barr-Virus – und auch Umwelteinflüsse. Epidemiologische Studien aus den USA und China haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Luftverschmutzung und einem erhöhten Risiko, an rheumatoider Arthritis zu erkranken.
Bei anhaltender Feinstaubbelastung kann sich eine bestehende Krankheit trotz Behandlung weiter verschlechtern, konnte nun ein Forschungsteam um Eun Bong Lee vom südkoreanischen Seoul National University College of Medicine belegen. Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von maximal 2,5 Mikrometern (PM2.5) treiben schon bestehende Entzündungsprozesse im Körper weiter an und lassen das Risiko für Krankheitsschübe steigen, berichten die Forschenden aktuell im Fachjournal „Annals of the Rheumatic Diseases“.
Für diese prospektive Studie wurden mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten aus Südkorea über einen Zeitraum von vier Jahren (2021 – 2024) untersucht. Die Forschenden verglichen die monatlichen Konzentrationen von sechs wichtigen Luftschadstoffen – Schwefeldioxid, Stickstoffoxid, Ozon, Kohlenmonoxid, größere Feinstaubpartikel mit zehn Mikrometern Durchmesser (PM10) und feinste Feinstaubpartikel (PM2.5) – mit der Krankheitsaktivität und dem Auftreten von Krankheitsschüben.
Frauen und Nichtraucher stärker betroffen
Waren Betroffene mehr als zwei Wochen durchgehend einer Feinstaubbelastung mit PM2.5 ausgesetzt, verstärkten sich typische Symptome häufiger, insbesondere bei Frauen, bei nichtrauchenden Personen und bei jenen Patientinnen und Patienten, die zuvor schon stärker unter druckempfindlichen Gelenken gelitten hatten.
Für den (bereits emeritierten) Rheumatologen Josef Smolen von der Medizinischen Universität Wien und Chefredakteur des Journals „Annals of the Rheumatic Diseases“ ist dieser Befund wenig überraschend: „Die Feinstaubaktivierung des Entzündungssystems tritt bei Nichtraucherinnen und Nichtrauchern natürlich schneller ein als bei Menschen, die rauchen.“ Deren Lungen seien der erhöhten Belastung durch PM2.5-Partikel, die ganz massiv im Zigarettenrauch vorkommen, permanent ausgesetzt. Die Entzündungswege im Atemtrakt seien dadurch wahrscheinlich schon viel stärker ausgereizt, vermutet auch das Studienteam.
Verstärkende Umweltreize
Im Gegensatz dazu würden Personen mit schon bestehender Druckschmerzempfindlichkeit in den Gelenken generell einen höheren Entzündungszustand aufweisen, weshalb zusätzliche Entzündungsreize wie Feinstaubpartikel zu einer verstärkten Aktivierung von Immunbotenstoffen führen: „Die rheumatoide Arthritis ist ja eine Autoimmunerkrankung, also eine Krankheit, bei der das Immunsystem sich gegen körpereigenes Gewebe, in diesem Fall das der Gelenke, wendet. Und da spielen diese Botenstoffe eine ganz entscheidende Rolle“, so Smolen. „Wenn Leute schon eine bestehende Entzündung haben, genetisch prädisponiert sind, dann kann das durch die Aktivierung dieser Entzündungsbotenstoffe zu einer Verstärkung der Entzündung führen.“
Hingegen beeinflussen andere Luftschadstoffe wie etwa das Reizgas Ozon, das gerade im Sommer auch in Österreich für hohe Belastungen und schlechte Luftqualität sorgt, oder größere Feinstaubpartikel (PM10) die Krankheitsaktivität bei rheumatoider Arthritis kaum. „Es ist ganz wichtig, dass wir zur Kenntnis nehmen, dass Feinstaub nicht nur ein Problem für Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt, sondern auch für Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis“, sagt Smolen.
Weckruf
Betroffenen Personen rät der Rheumatologe, sich bei höheren Feinstaubbelastungen, wie sie etwa im Winter durch Abgase und Hausbrand bei bestimmten Wetterlagen regional auch in Österreich auftreten können, mit einer FFP2-Maske zu schützen.
Ob die Befunde aus Korea, wo die Feinstaubbelastung im Freien generell deutlich höher ist als in Österreich und in vielen anderen europäischen Ländern, weltweit Gültigkeit haben, muss nun weiter untersucht werden. Ein Weckruf sei diese Studie allemal, sagt der international renommierte Rheumatologe.