Nicht nur Menschen sind kitzelig, das Phänomen ist auch im übrigen Tierreich weit verbreitet. Wenn etwa junge Schimpansen oder Gorillas gekitzelt werden, bekommen sie Kicheranfälle wie Kleinkinder. Und auch Ratten reagieren unter bestimmten Umständen ähnlich.
Verschiedene Theorien
Woher das Phänomen kommt und wie es sich erklären lässt, ist bis heute nicht ganz klar. Erklärungsversuche dafür gibt es eine Menge. Schon der griechische Philosoph Aristoteles vermutete, dass Kitzeln etwas mit der Hautdicke zu tun hat. Dünnere Hautstellen wären demnach eher kitzelanfällig. Der britische Naturforscher Charles Darwin wiederum meinte im 19. Jahrhundert, dass Körperstellen, die nur selten berührt werden, besonders kitzlig sind.
Etwas später wurde argumentiert, dass kitzlige Regionen mit besonders verwundbaren Stellen zusammenfallen. Demnach sind sie jene Bereiche, in denen Verletzungen besonders gefährlich oder sogar tödlich sein könnten, und die Kitzelempfindlichkeit könnte eine evolutionäre Funktion erfüllen, um darin zu schulen, verwundbare Körperbereiche zu schützen.
Und auch ein Zusammenhang zwischen Kitzelempfindlichkeit und erogenen Zonen des Körpers wurde diskutiert. Kitzelempfindlichkeit sei nach dieser hedonistischen Theorie eine Form des sozialen Spiels, das sich im Erwachsenenalter zu sexuellem Spiel entwickelt, und erogene Zonen seien besonders kitzlig.
450 Personen befragt
„Doch diese Fragen wurden nie auf einheitliche Weise zufriedenstellend beantwortet“, sagt nun Ziliang Xiong von der niederländischen Radboud-Universität Nijmegen gegenüber ORF Wissen. Auch aus moderner neurowissenschaftlicher Sicht bleibt das Phänomen erstaunlich rätselhaft, schrieb Konstantina Kilteni vom Karolinska Institut in Stockholm im Vorjahr in einem Artikel. Gemeinsam haben die beiden nun zumindest Licht ins Dunkel des subjektiven Empfindens gebracht.
Sie befragten rund 450 Personen aus China, den Niederlanden und Griechenland zwischen 18 und 30 Jahren nach ihren Kitzelerfahrungen. In allen Kulturkreisen gaben über 98 Prozent an, schon einmal gekitzelt worden zu sein. Knapp 96 Prozent hatten schon andere gekitzelt, wobei aus Griechenland die „kitzelfreudigsten“ Personen stammten. 71 Prozent hielten sich selbst für “leicht" bis “sehr kitzlig“, wie Kilteni und Xiong soeben in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ berichten.
Körperkarte des Kitzelns
Wenig überraschend erwies sich spontanes Lachen als häufigste Kitzelreaktion. Ausweichen, Schreien und Zurückkitzeln wurden aber auch oft genannt, und zwar in allen drei untersuchten Kulturgruppen. Ein Großteil der Befragten empfand Kitzeln grundsätzlich als angenehm, rund ein Viertel hingegen als unangenehm. Weniger als ein Fünftel gab an, mit dem Kitzeln auch eine Art sexuellen Genuss zu verbinden.
Kilteni und Xilong fragten auch nach den besonders kitzligen Körperregionen und erstellten mithilfe der Antworten digitale Körperkarten. Darin markiert sind jene Regionen, die besonders kitzelempfindlich sind: allen voran Achseln, Nacken, Bauch und Fußsohlen. Bei Kitzeln durch intime Partnerinnen oder Partner war zusätzlich der Leistenbereich betroffen.
Diese „Kitzel-Hotspots“ waren in allen drei Kulturgruppen sehr ähnlich ausgeprägt. Leichte Unterschiede zeigen sich in den Karten dennoch: Personen aus Griechenland scheinen generell etwas kitzelempfindlicher zu sein, jene aus den Niederlanden nicht nur auf den Fußsohlen kitzlig zu sein, sondern auch auf deren Vorderseiten. Aber: „Wir würden uns davor hüten, diese visuellen Unterschiede in den Körperkarten als kulturelle Unterschiede zu interpretieren“, erklären Xiong und Kilteni gegenüber science.ORF.at. Ihre statistische Methodik sei darauf angelegt gewesen, zu prüfen, ob sich die allgemeine Topografie der Kitzligkeit zwischen den drei kulturellen Gruppen unterschied – und dies sei eindeutig nicht der Fall.
Darwin hatte am ehesten recht
Ihre Ergebnisse verglichen die beiden Forschenden mit einer Reihe von historischen Theorien zur Entstehung von Kitzligkeit. Dabei prüften sie unter anderem Zusammenhänge mit Berührungsempfindlichkeit, Hautdicke, Schmerz- bzw. Lustempfinden sowie der Häufigkeit von Berührungen einzelner Körperregionen.
Den letzten Zusammenhang hatte schon Charles Darwin 1872 in seinem Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen beim Menschen und den Tieren“ angemerkt. Über 150 Jahre später gibt die aktuelle Studie ihm nun am ehesten recht: „Von den Theorien, die wir getestet haben, fand Darwins Idee die stärkste Bestätigung: Körperregionen, die im Alltag seltener berührt werden, waren tendenziell kitzliger“, sagen Kilteni und Xilong.
Darwin habe einen wichtigen Teil der Erklärung geliefert, „aber nicht die ganze Geschichte“, betonen sie. Ihre Daten würden zudem zeigen, dass Kitzligkeit nicht einfach mit allgemeiner Berührungsempfindlichkeit bzw. mit Lust- oder Schmerzempfinden gleichgesetzt werden könne. Sie stelle vielmehr eine eigenständige Form der Körperwahrnehmung dar und sei wahrscheinlich das Ergebnis eines Zusammenspiels sensorischer, körperlicher und psychologischer Faktoren.
Eine genaue Antwort, warum wir kitzlig sind, hat das Forscherduo also nicht – aber Ideen für künftige Laborexperimente. „Wir haben dafür ein Robotergerät entwickelt, das präzise kontrollierte Kitzelreize abgibt.“ Ziel sei es, „eine Erfahrung zu verstehen, die jedem vertraut ist, die die Wissenschaft jedoch bisher noch nicht vollständig erklären kann.“