Sie sei „unausgewogen“, es mangle ihr „an Genauigkeit“ und sie enthalte „Fehlinformationen“, wie die Herausgeber-Gruppe BMJ am Mittwoch mitteilte. Außerdem habe sie sich nur auf einen „begrenzten Umfang eigener Arbeit“gestützt.
Übersterblichkeit bis Ende 2022 hoch
Die Studie ist sehr populär, vor allem bei impfkritischen Menschen. Laut „Altmetric“ gehört der wissenschaftliche Artikel zu den Top-5-Prozenten mit der meisten Aufmerksamkeit im Internet. Im Mai 2024 hatte sie ein Team um Saskia Mostert vom Prinzessin-Máxima-Zentrum für Kinderonkologie im niederländischen Utrecht im Fachjournal „BMJ Public Health“ veröffentlicht.
Auf Basis von “Our World in Data“-Statistiken verglichen die Fachleute Zahlen zur Übersterblichkeit in zahlreichen Ländern – und zwar von Beginn der CoV-Pandemie im Jänner 2020 bis Ende 2022; ein paar Monate, bevor die Weltgesundheitsorganisation WHO den globalen Coronavirus-Gesundheitsnotstand offiziell für beendet erklärte.
Ergebnis: Die Übersterblichkeit sei in 47 westlichen Ländern bis Ende 2022 anormal hoch geblieben. In impfskeptischen Veröffentlichungen im Internet wurde die Studie daraufhin oft als Beleg verwendet, dass die CoV-Impfungen zum Anstieg der Todesrate geführt hätten – denn diese standen seit Ende 2020 zur Verfügung.
Kein kausaler Zusammenhang mit Impfungen
Das Studienteam um Saskia Mostert hatte einen solchen Zusammenhang nicht direkt hergestellt. Es rief die politischen Entscheidungsträger aber damals auf, genauere Daten zu veröffentlichen, um die Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen und Impfungen zu prüfen.
Dies war vielfach auf Kritik gestoßen. Dem Artikel wurde vorgeworfen, unbegründete Kritik an Coronavirus-Impfungen befeuert zu haben, obwohl diese während der Pandemie Millionen Menschen das Leben gerettet hätten.
Die BMJ-Fachzeitschrift veröffentlichte deshalb recht rasch, im Juni 2024, eine Warnung, die zu einem vorsichtigen Umgang mit der Studie aufrief. Darin wurde festgehalten, dass sie keinen kausalen Zusammenhang zwischen CoV-Impfungen und Sterblichkeit belege.
Kein Fehlverhalten, aber Ethikstandards verletzt
Das Prinzessin-Máxima-Zentrum in den Niederlanden, mit dem drei der vier Studienautoren verbunden waren, leitete daraufhin eine Untersuchung ein. Der anonymisierte Bericht ihres Ethikkomitees sei dem Journal im Mai 2025 übermittelt worden. Nun wurde eine Variante davon von BMJ öffentlich gemacht.
Darin heißt es unter anderem: Obwohl der Artikel nur die Zahlen und nicht die Ursachen der Übersterblichkeit untersuchte, „widmete er der Einführung von Corona-Maßnahmen und Impfungen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit, während alternative Erklärungen weitgehend außer Acht gelassen werden“. Er zitiere „irreführend und einseitig Literatur, die seine eigenen Argumente stützt.“
Der Schluss des niederländischen Ethikkomitees: Das Verhalten des Forschungsteams sei nicht als wissenschaftliches Fehlverhalten einzustufen, „da keine Hinweise auf böswillige Absicht, Erfindung oder Fälschung von Daten oder Plagiate gefunden wurden“. Allerdings verletzte es zwei Drittel der untersuchten Standards für wissenschaftliche Integrität.
Lange Reaktionsdauer des Journals
Nach Angaben von BMJ hätten zwei Personen des vierköpfigen Autorenteams daraufhin einen Rückzug der Studie verlangt, und zwar wegen „möglicher Fehlinterpretationen und eines daraus resultierenden Risikos für die öffentliche Gesundheit“. Dies habe aber nicht den Richtlinien des Journals entsprochen: Es führte deshalb eine eigene Untersuchung durch, und die Ergebnisse wurden erst jetzt veröffentlicht – über zwei Jahre nach Erscheinen der Studie.
Die wörtliche Begründung: „Der Artikel wurde von der Zeitschrift wegen Fehlinformationen in der Diskussion über die möglichen Ursachen der Übersterblichkeit zurückgezogen.“
Warum das so lange gedauert hat? „Dieser Fall war kompliziert, weil mehrere Sachverhalte untersucht werden mussten, von denen einige bereits teilweise von der Institution untersucht worden waren, und weil nachvollzogen werden musste, wie die Forschung durchgeführt und in der vorliegenden Form präsentiert wurde", sagt dazu Helen Macdonald, zuständig für Publikationsethik und Inhaltsintegrität bei der BMJ Group.
Studienautorin ortet Zensur
Die Studienhauptautorin Saskia Mostert verließ 2024 das Prinzessin-Máxima-Zentrum, nachdem dieses seine Untersuchung begonnen hatte. „Ich verlor meine Stelle, nachdem ich offizielle staatliche Sterblichkeitsdaten veröffentlicht und weitere wissenschaftliche Untersuchungen zu den anhaltend überdurchschnittlich hohen Todesfällen gefordert hatte“, sagte sie dazu im Juni 2026 bei einer Anhörung vor dem US-Senat.
Sie bezog sich dabei hauptsächlich auf den BMJ-Artikel und warf Regierungen und Medien vor, während der Pandemie Angst- und Propagandataktiken eingesetzt zu haben, um die „Toleranz gegenüber Vernunft und abweichenden Meinungen“ zu verringern. Sie behauptete auch, die Untersuchung ihrer Arbeit verletze die akademische Freiheit und stelle Zensur dar.