Der europäische Fußball unter Führung von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin macht Ernst und hat eine ultimative Drohung an Infantino ausgesprochen. Sie lautet: Wenn ihr den Plan mit dem Investorendeal in die Tat umsetzt, werden wir die nächste Weltmeisterschaft und alle weiteren Wettbewerbe des Weltverbands zusammen boykottieren.

„Wir lehnen den Vorschlag der FIFA, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben an private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab. Die Weltmeisterschaft darf nicht als Anlageprodukt behandelt werden. Es darf keinen Zweifel geben: Die UEFA und ihre nationalen Verbände werden sich diesen Plänen mit aller Entschlossenheit widersetzen.“

Der ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzende Josef Pröll erklärte: „Wir stehen vollinhaltlich und felsenfest hinter dieser Entscheidung. Der ÖFB war ein integrativer und aktiver Teil der Gespräche sowie der Beschlussfassung. Das geschlossene Vorgehen der Verbände sendet ein starkes Signal der Verantwortung und des Zusammenhalts. Dieser Weg ist der richtige. Im Mittelpunkt muss immer der Fußball stehen. An diesem Maßstab muss sich unser Handeln orientieren.“

Auch Tschechien unterschrieb

Dass die 55 Verbände den Brief geschlossen unterzeichneten, ist bemerkenswert, weil sich der tschechische Verband am Vortag noch offen für den FIFA-Plan gezeigt hatte. „Es gibt Momente, in denen Institutionen nicht danach beurteilt werden, was sie zu akzeptieren bereit sind, sondern danach, wozu sie keine Kompromisse eingehen. Dies ist ein solcher Moment“, schrieb die UEFA stellvertretend.

Beim Boykott geht es nicht nur um die Weltmeisterschaft der Männer im Jahr 2030, sondern auch um die Frauen-WM 2027 in Brasilien. FIFA-Präsident Gianni Infantino, dessen Verband die Pläne am Dienstag enthüllt hatte, gerät damit ordentlich unter Druck. Ohne die Europäer um Weltmeister Spanien, England, Frankreich und Deutschland würde die WM ihren sportlichen Wert komplett einbüßen.

Unterstützung aus Nord- und Mittelamerika

Unterstützung erhielten die Europäer aus Amerika. Die 41 Mitglieder des Verbands von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (CONCACAF) lehnten den FIFA-Vorschlag ab. Der Verband, dem die drei 2026er WM-Gastgeber USA, Kanada und Mexiko angehören, kritisierte die mangelnde Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren, die künstlich knapp angesetzte Frist sowie das Fehlen jeglicher Prüfung durch die zuständigen FIFA-Gremien – „und das ausgerechnet im Anschluss an die finanziell erfolgreichste FIFA-Weltmeisterschaft der Geschichte“.

FIFA setzte Frist und ködert Verbände

Die FIFA hatte mitgeteilt, mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen zu wollen. Laut Medienberichten setzte der Weltverband eine Frist für die Zustimmung zum geplanten Investorendeal und versprach im Gegenzug eine Sonderzahlung. Der Stichtag für die Zustimmung der 211 Verbände soll der 19. September sein.

Ungeachtet harscher Kritik – vor allem aus Europa – an den Investorenplänen hatte Infantino in einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft den geplanten Einstieg externer Geldgeber als „einmalige Chance, die weltweite Entwicklung des Fußballs deutlich zu beschleunigen“, gerechtfertigt. Kritiker werfen ihm vor, vor allem seinen persönlichen Profit und den von Geschäftspartnern im Auge zu haben.

Infantino: „Teil eines demokratischen Prozesses“

Infantino reagierte mit dem Video auf den Sturm der Entrüstung, den er mit seinen Gedankenspielen selbst losgetreten hatte. Er konterte die Anschuldigungen und bezeichnete die Investorenpläne zunächst als Vorschlag, der „Teil eines demokratischen Prozesses“ sei.

Schließlich müssten eine Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände der FIFA sowie das FIFA Council überhaupt erst zustimmen. Allerdings scheint schon jetzt klar, dass es abseits der Ablehnung aus Europa, die auch der ÖFB mitträgt, gerade bei kleineren Mitgliedsstaaten Zustimmung für die Idee geben dürfte, weil sie schlicht auf einen deutlichen Anstieg der Einnahmen hoffen.

FIFA-Chef Infantino formuliert es so: „Zu wenig vom wachsenden kommerziellen Wert des Fußballs kommt in den Teilen des Spiels an, die ihn am dringendsten benötigen.“ Um diesen Wert zu erschließen, brauche es „zusätzliches Fachwissen“. Die Fans könne er beruhigen: „Der Sport, den sie verfolgen und lieben, wird sich nicht verändern.“

Kritiker befürchten noch mehr Kommerz

Solche Beteuerungen nehmen ihm viele Kritiker jedoch nicht ab. Nicht einmal zwei Wochen nach dem WM-Finale in den USA sehen sie ihre Befürchtungen genährt, dass die FIFA durch den Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte an Wettbewerben den Sport zum Spielball von Investoren verkommen lässt. Die Logik: Noch mehr Turniere mit noch mehr Teams und Spielen würden Umsatz und Erlöse steigern, womit auch der Wert der zuvor veräußerten Beteiligungen wüchse.

Gemäß dem vorgeschlagenen Deal sollen private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an einem neu zu gründenden Tochterunternehmen namens FFE (FIFA Forward Enterprise) erwerben können, dessen Wert zunächst auf 20 Milliarden Dollar festgelegt ist. Im FFE würden die kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM gebündelt. Mit diesem Schachzug könnte Infantino zudem nach einer weiteren Periode als Präsident zum Geschäftsführer des neuen Unternehmens werden und so nach 15 Jahren Amtszeit weiter mächtig im FIFA-Kosmos wirken.

Der Schweizer stellte in Aussicht, dass mit Investorenhilfe und über das „FIFA-Fast-Forward-Programm“ jeder Mitgliedsverband seine Einnahmen vervielfachen könne. Nachdem die FIFA im vergangenen Jahrzehnt unter anderem ihre Wettbewerbe grundlegend verändert habe, müsse nun auch finanziell nachgelegt werden, appellierte Infantino: „Die Stärkung der kommerziellen Seite des Fußballs ist der natürliche nächste Schritt dieser Entwicklung.“