Der Europäische Fußballverband (UEFA) forderte weitreichende Konsequenzen. „Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie“, teilte der Kontinentalverband am Samstag mit. „So können wir nicht weitermachen – mit geheimen Machenschaften, die im Eiltempo von gesichtslosen Individuen ausgeheckt werden und deren Nutzen für den Sport fragwürdig ist“, hieß es bei der UEFA von Präsident Aleksander Ceferin.
„Wir müssen die Verantwortlichen ausfindig machen und sie zur Rechenschaft ziehen.“ Die UEFA kündigte an, unmittelbar mit Partnern weltweit in den Dialog zu treten, um neue Wege zu finden. Infantinos Pläne kritisierte die UEFA heftig. „Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschließend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz.“
Protest innerhalb der FIFA
Selbst innerhalb der FIFA bröckelte zuletzt die Unterstützung für Infantino. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, die Mitarbeitenden hintergangen zu haben. Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater des 56-Jährigen, trat aus Protest gegen die Pläne zurück. Auf LinkedIn schrieb er, er könne als früherer Banker und lebenslanger Fußballfan „nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht“.
Cordeiro, der ehemalige Präsident des US-Verbandes, der seit 2021 für die FIFA arbeitet, untermauerte seinen Rücktritt mit scharfen Worten. An den Plänen sei er nicht beteiligt gewesen und habe diese entschieden abgelehnt. „Es ist ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports“, schrieb Cordeiro. Als früherem Partner der Investmentbank Goldman Sachs wird Cordeiro große Erfahrung mit Investitionsgeschäften nachgesagt.
Spätestens Cordeiros Rücktritt, seines Zeichens hochrangiger Berater der FIFA, offenbarte die tiefen Gräben, die der geplante Investorendeal aufgerissen hatte. Dazu gingen mehrere Verbände – allen voran die UEFA, die gar mit einem WM-Boykott drohte – auf klare Distanz. Auch der asiatische Verband AFC und der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige CONCACAF verweigerten den Plänen offen ihre Unterstützung.
Hausgemachte Misere
Dass ein WM-Boykott öffentlich diskutiert werde, „sollte jeden beunruhigen, dem die Zukunft unseres Sports am Herzen liegt. Der Fußball hätte niemals in eine solche Lage gebracht werden dürfen“, hieß es in der AFC-Mitteilung. Die FIFA wollte mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen.
Für die Umsetzung sollte das Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) gegründet werden. Nach Angaben der „Financial Times“ führte Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit Donald Trumps Tochter Ivanka verheiratet ist, Gespräche darüber, den Einstieg über seinen Fonds Thrive Eternal anzuführen.
„Peinliche Kehrtwende“
Die internationale Presse wertete den Rückzug von den Plänen als Schlappe für die FIFA und Infantino. Die englische „Daily Mail“ sprach von einer „peinlichen Kehrtwende“ und einer „demütigenden Niederlage“ für Infantino, während die spanische „As“ von einem „globalen Rückschlag“ für den FIFA-Präsidenten schrieb. „El Pais“ urteilte, der Fußball mit seinen Millionen Fans habe über externe Akteure gesiegt und die FIFA verloren.
Der Schweizer „Blick“ sah einen „ungewöhnlichen Rückzieher“ eines Präsidenten, „der in den vergangenen Jahren seine Vorhaben meist ohne größeren Widerstand durchsetzen konnte“. Die französische „L’Equipe“ attestierte dem Weltverband eine Krise, während die italienische „Gazzetta dello Sport“ die Aufgabe der Investorenpläne mit den Worten „Die Vernunft hat gesiegt“ begrüßte.
Infantino unter Druck
Mit seiner Kehrtwende könnte es für Infantino nun schwierig werden, sich an der Spitze des Weltverbandes zu halten. So sprach sich der britische Premierminister Andy Burnham schon nach Bekanntwerden der Pläne offen für die Ablösung Infantinos aus. Der Schweizer sei „der falsche Mann“ an der Spitze des Weltverbandes, sagte der neue Regierungschef.
UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister sagte, die weltweite Einigkeit gegen die Vorschläge sende der FIFA ein klares Signal, was Spielern, Fans, Vereinen und Funktionären in Zukunft wichtig sei. „Ich hoffe, dass dies für den Präsidenten und die FIFA ein Weckruf ist, damit sie diese Aufgaben weitaus ernster nehmen, als sie es offenbar bisher getan haben.“
Infantino stand davor schon wegen einer anderen Sache unter Druck: Er war während der WM in den USA, Kanada und Mexiko wegen einer auf Anruf von US-Präsident Trump zurückgezogenen Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun schwer in die Kritik geraten. Damit wurde ein Einsatz des Spielers im Achtelfinale ermöglicht – ein ungewöhnliches Vorgehen. Nach Darstellung der FIFA wurde die umstrittene Entscheidung von der formal unabhängigen Disziplinarkommission getroffen.
„Mafiöse Strukturen“
Besonders drastische Worte in puncto Vorgehen des Weltverbands wählte der ehemalige deutsche Trainer Christian Streich: „Was bei der FIFA abläuft, das ist hochgradig korrupt. Das sind einfach mafiöse Strukturen. Das weiß eigentlich jeder. Und dann muss es auch ausgesprochen werden. Das ist Mafia-Gehabe, was da abläuft“, sagte der langjährige Coach des deutschen Erstligisten SC Freiburg.
Der langjährige UEFA-Funktionär und Ex-Bundesliga-Vorstand Georg Pangl sieht im ORF-Interview Infantino zwar angezählt, aber trotzdem noch halbwegs sicher im Sattel sitzen. Der Schweizer hätte schon einige Stürme überstanden, so der Burgenländer: „Er war auch vor einigen Jahren, als er diese Super League installieren wollte beziehungsweise die Clubweltmeisterschaft, geschwächt. Aber dadurch, dass er den kleinen Verbänden sehr viel Geld bringt, saß er bis jetzt sehr gut im Sattel.“