Während James in den sozialen Netzwerken teils Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen wird, loben ihn andere für den uneigennützigen Verzicht im Spätherbst seiner Karriere. Für den viermaligen Champion der National Basketball Association (NBA), der laut „Forbes“ als erster aktiver Basketballer Milliardär geworden ist, geht es um sein Vermächtnis. In Fachkreisen wird nur noch diskutiert, ob James oder Michael Jordan der größte Profi der NBA-Historie ist.

King James“ schrieb bereits Geschichte, indem er bei den Lakers als erster Spieler gemeinsam mit seinem Sohn Bronny in einem Team auflief. In NBA-Jahr 24 und 25 (kein anderer Profi zuvor schaffte mehr als 22 Saisonen) geht es für ihn nur noch um eines: sportliche Erfolge. Bei den Sixers sucht der globale Sportstar die Chance auf einen fünften Meisterschaftsring. Jordan hat in seiner Laufbahn sechs Titel gewonnen und kein Finale verloren. James dagegen stand bereits zehnmal in der Endspielserie, gewann davon vier und verlor sechs.

„Ich will immer noch Opfer bringen. Ich will immer noch arbeiten. Ich will immer noch hart kämpfen“, sagte James zuletzt. Nach dem deutlichen Aus der Lakers in den Play-offs hatte er auch einen Rücktritt in Erwägung gezogen. Doch statt Rückzug steht James nun noch einmal ganz besonders im Rampenlicht. Analog zur berühmten Jordan-Doku „The Last Dance“, die im Coronavirus-Jahr 2020 veröffentlicht wurde, soll auch James’ nächste Saison verfilmt werden.

Polarisierende Entscheidung

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass er aufhört, so hat es auf mich nicht gewirkt“, sagte Österreichs NBA-Profi Jakob Pöltl. Wo James nun aktiv sei, spiele für ihn keine große Rolle. Für die Liga habe dessen Karrierefortsetzung aber große Bedeutung. „Er ist immer noch ein Zugpferd, keine Frage. Er ist einer der größten, wenn nicht der größte Name, der je gekommen ist aus der NBA“, meinte Pöltl. „Also für die NBA als Produkt und für die Fans ist das sicher eine coole Sache.“

Nicht alle lobten James für seine Entscheidung. Schon bevor der Superstar die wochenlange Hängepartie beendete, hatte TV-Experte Charles Barkley angemerkt, dass alles andere als eine Heimkehr nach Cleveland nicht stimmig sei. Bei jeder weiteren Option „würde er nur Jordan hinterherrennen“, merkte der ehemalige Profibasketballer an.

Die Liga und ihr Commissioner Adam Silver sind vor allem froh, dass James seine Entscheidung endlich verkündet hat, nachdem sich der Prozess über mehrere Wochen gezogen hatte. Silver hatte im Juli den Druck auf James erhöht. „Wir müssen den Spielplan fertigstellen – und wo LeBron künftig spielt, beeinflusst unsere Planungen. Es wird beeinflussen, wie wir die erste Woche und Weihnachten planen. Deshalb muss er eine Entscheidung treffen“, sagte der NBA-Boss.

Für Silver ist das Wichtigste, dass James der Liga als Zugpferd noch einmal mindestens ein Jahr – für das zweite der jeweils mit rund vier Millionen Dollar vergüteten Jahre hat James eine spielerseitige Option – erhalten bleibt. Und je näher James und die Sixers den Finals kommen, umso besser. Eine NBA-Finalserie zwischen den San Antonio Spurs um Ausnahmetalent Victor Wembanyama und Philadelphia mit James wäre für Silver das bestmögliche aller Szenarien.

Philadelphia nun echter Titelanwärter

James’ langjähriger Rivale Kevin Durant vergleicht die Sixers nun sogar mit den Golden State Warriors, mit denen Stephen Curry und er vor knapp zehn Jahren die Liga dominierten. „Sie haben vier 25-Punkte-Scorer. Also, natürlich denke ich, dass sie einer der Titelanwärter sind“, sagte Durant. Neben James holten die Sixers heuer auch Boston-Celtics-Star Jaylen Brown. Aufbauspieler Tyrese Maxey und der verletzungsanfällige Topcenter Joel Embiid waren bereits da.

Mit der Verpflichtung von Brown (er kam für Paul George) und James sind die Sixers in einem Sommer zum Titelanwärter geworden. Im Osten wird nur Titelverteidiger New York Knicks, an dem Philadelphia in der Vorsaison in der zweiten Play-off-Runde gescheitert war, ähnlich hoch gehandelt. James sei „einer der besten Athleten aller Zeiten“, sagte Teambesitzer Josh Harris nach der Verpflichtung des Superstars. Die Leistungen des dreimaligen Olympiasiegers seien „legendär“.

Philadelphias Erfolge dürften aber auch von der Gesundheit von Embiid abhängen. Nur, wenn der 2,13 Meter große Center fit bleibt, dürften die Sixers in einem möglichen Finale gegen San Antonio oder die Oklahoma City Thunder wirklich realistische Chancen auf den NBA-Titel haben. Ein solcher gelang dem Club zuletzt 1983. Seit 2001 hat Philadelphia keine Finalserie mehr erreicht. James lässt das Traditionsteam nun wieder träumen.