Die Erzählung ließ die Musik von Volksmusik-Star Herbert Pixner und die etablierten Kunstgriffe in den Hintergrund treten. Der eigentliche Star: das Open-Air-Areal. Das Publikum zeigte sich begeistert.

Fotostrecke mit 4 Bildern

Es gab damals auch Todesopfer

Das Stück setzt dort an, wo 2019 die „Verkaufte Heimat“ von Mitterer – in diesem Jahr ebenfalls bei den Tiroler Volksschauspielen aufgeführt – endete. Im Zentrum stehen dieses Mal die Südtiroler Aktivisten, die salopp auch „Bumser“ genannt werden. Dieser separatistische „Befreiungsausschuss Südtirol (BAS)“ verübte Anfang der 1960er-Jahre etwa Sprengungen von Strommasten oder Bahninfrastruktur. Auch Tote gab es im Umfeld dieser Aktivisten und deren Aktionen. Das erklärte Ziel dabei, etwas heruntergebrochen und vereinfacht: Selbstbestimmung der deutschen Volksgruppe im italienischen Südtirol.

Abrissgebäude Teil der Inszenierung

Ebendiese Aktionen und vor allem die „Feuernacht“ vom 11. auf 12. Juni 1961, in der die Aktionen der „Bumser“ besonders heftig waren, rückte das Stück in Telfs in eindrucksvolles Open-Air-Licht. Als dankbare Kulisse diente dabei ein sich gerade im Abriss befindlicher Gebäudekomplex einer einstigen Südtiroler Siedlung.

Zu der Wirkung dieses Areals selbst fügte die Inszenierung dann auch tatsächlich – trotz so mancher Gigantomanie in Form von übergroßen Kreuzen, einer riesigen Videoleinwand, zahlreichen Pyroeffekten oder Live-Kameras – erstaunlich wenig hinzu.

Auch die Live-Band rund um Pixner, von dem sämtliche Kompositionen stammten, und Manu Delago schien es sich auferlegt zu haben, der Geschichte zu „dienen“ und setzte somit recht wenige Akzente, sondern konzentrierte sich auf Atmosphäre, kleine Nuancen und wiedererkennbare Motivik.

Zerrissene Familien

So hob die Geschichte rund um drei Familien in SüdtirolRabensteiner, Tschurtschenthaler und Magalone – zu Beginn bereits recht behäbig an. Im Fokus standen die Schicksale, die durch die „Aktionen“ bestimmt wurden und auch zu Todesopfern in deren Reihen führten.

Dass ganze Familien zerrissen wurden – sowohl ideologisch als auch tatsächlich –, wurde ausgiebig verhandelt. „Stars“ im Ensemble schälten sich so gut wie keine heraus, auch diese spielten zweckdienlich. Schauspielerisch am ehesten auffällig: Lenz Moretti als Alfons Rabensteiner oder Uli Brée als leicht schmieriger Dr. Edlinger, der ideologisch so manche Strippe zog.

Filmische Qualitäten trotz striktem Realismus

Das Stück, nicht ganz ohne dramaturgische Längen auskommend, nutzte schließlich rund um diese Geschichten auch einige durchwegs gelungene Verfremdungseffekte als Kunstgriffe. Die Live-Kamera, die die Schauspieler filmte und gespielte Szenen zum Teil auf die durchaus mächtige Leinwand übertrug, sorgte für filmische Qualitäten, die den ansonsten strikten Realismus immer wieder durchbrachen. In Verbund mit der Musik von Pixner gelangen damit immer wieder cineastische Momente über den reinen Text und den historischen Kontext hinaus.

Totentanz und Publikumseuphorie

Gegen Ende deutete der eindrucksvolle „Totentanz“, bei dem alle Schauspieler sich traumwandlerisch im Takt bewegten, an, wohin diese Form von Aktivismus notwendigerweise stets führt. Dass das Stück nicht mit dieser symbolischen Ebene endete, sondern zu einem erzählerischen Abschluss fand, war kennzeichnend für den grundsätzlichen dramaturgischen Zugang bei dieser „Feuernacht“, der ein wenig mehr Mut zur künstlerischen Verdichtung gut getan hätte.

Standing Ovations

Das Publikum reagierte mit kollektiven Stehovationen. Unter den rund 900 Anwesenden bei der restlos ausverkauften Vorstellung war auch viel Prominenz – darunter Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP), Schauspielstar Tobias Moretti und Autor Mitterer selbst. Letzterer erntete bei seinem kurzen Auftritt während des Schlussapplauses besonders begeisterte und lautstarke Reaktionen.