Innsbruck ist mit dieser Erhebung, an der in Österreich auch die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beteiligt war, nicht allein auf weiter Flur. Insgesamt nahmen an dem von der KU Leuven – einer niederländischsprachigen Universität in Flandern in Belgien – organisierten EU-Forschungsprojekt „EU Homelessness Counts 2025“ 35 Städte in 21 EU-Ländern teil. In Innsbruck waren 34 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit an Bord. Erhoben wurde beispielsweise mit dort bereits vorhandenen Datensätzen sowie Befragungen.
Die Einstufung von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit sei über die EU-weit einheitliche, sechsstufige „Ethos-Light-Methodik“ erfolgt, sagte Philipp Schnell von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei dem Pressegespräch. In dieser werde unter anderem zwischen Menschen, die im öffentlichen Raum nächtigen, also obdachlos sind (Ethos Light 1), und Menschen, die bei Freunden und Familie wohnen (Ethos Light 6), unterschieden.
Rund 500 kommen bei Familie oder Freunden unter
527 Personen lebten laut dieser Einteilung etwa bei Familie und Freunden – diese müsse man als sogenannte verdeckt Wohnungslose werten, strich Schnell, der im Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der ÖAW tätig ist, heraus. In temporären Wohnformen der Wohnungslosenhilfe kamen 297, in Notschlafstellen 107 Personen unter. Drei Viertel der insgesamt 1.246 Personen waren männlich, ein Viertel weiblich, 86,8 Prozent alleinlebend. Zudem wurden 133 „mitziehende“ Kinder erfasst. Als Hauptgründe für die Obdachlosigkeit wurden von 241 Personen „finanzielle Gründe“ sowie von 242 „Delogierung“ angegeben. 353 Personen und damit 31 Prozent der Wohnungslosen waren Österreicher, 259 EU-Bürger und 524 Drittstaatenangehörige.
Innsbruck bewege sich alles in allem in ähnlichem Rahmen wie die durchaus vergleichbare Stadt Salzburg, die bisher als einzige weitere österreichische Stadt an der Erhebung teilgenommen hatte, wurde betont. „In Salzburg sind 910 Menschen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen“, führte Schnell aus. Ein Unterschied sei hingegen, dass in Salzburg Österreicher die größte Gruppe unter den Betroffenen darstellten. Diese Zahlen seien aber stets mit Vorsicht zu lesen, zumal es auch an dem Engagement der Institutionen bei den Erhebungen liege, wie viele Menschen erfasst würden. Zudem sei die tatsächliche Dunkelziffer stets höher als die erfassten Personen.
Stadt will Maßnahmen setzen
Die Stadtregierung wolle nun gezielte Maßnahmen setzen, wie der für Soziales und Wohnen zuständige Vizebürgermeister Georg Willi (Grüne) ankündigte. Man wolle etwa mehr bezahlbarem Wohnraum, eine Stärkung der Schuldnerberatung und bei diversen Wohnbauprojekten mit Kleinwohnungen sowie der frühen Unterstützung von jungen Menschen ansetzen. Immerhin seien 37 Prozent der Betroffenen laut der Erhebung unter 30 Jahre alt, so Willi.
Dem schloss sich auch Natascha Mair, Sozialkoordinatorin und zuständig für die Sozialplanung der Stadt, an. Nicht übersehen dürfe man darüber hinaus, dass von 175 akut Betroffenen auch einige Personen Pflegebedarf hätten. Es brauche für diese außerdem niederschwellige Angebote, führte sie aus. Insgesamt gelte es jedenfalls, rasch zu reagieren, denn „Wohnungslosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“