Die Festwocheninszenierung zeigte das Epos rund um einen goldenen Zankapfel als äußerst üppige und erstaunlich anschlussfähige Erzählung, die sich geschickt zwischen Historie und Gegenwart bewegte.

Seit 1668 szenisch nicht mehr aufgeführt

Es war eine absolute, insgesamt siebenstündige Meisterleistung der Opernrarität-Auslegung bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, die seit ihrer Uraufführung am Wiener Kaiserhof im Jahr 1668 nicht wieder szenisch aufgeführt wurde. Das lag allein schon darin, dass die Material-, Sänger- und Rollenschlacht nie zum Selbstzweck geriet.

Das zweifellos intendierte Erweckenwollen von Staunen angesichts von üppigsten Bühnenbildern, laufenden Szenenwechseln und einer wahren Flut an Protagonisten hätte nämlich leicht zu einer reinen Leistungsschau verkommen können. Doch all diese Faktoren standen bei der Regiearbeit von Ceresa in Verbund mit dem Bühnenbild von Nikolaus Webern letztlich im Dienste der unerwarteten Kurzweiligkeit, des absolut richtigen Tempos und des nie seichten Amüsements.

Gewagter Aberwitz

Das Epos rund um den goldenen Apfel mit der Aufschrift „Der Schönsten“, den die Göttin Discordia in eine Göttinnenrunde allein mit der Absicht wirft, um Zwietracht zu säen, hob nämlich bereits zu Beginn am ersten Abend mit gewagtem Aberwitz gewaltig ab.

Verziert mit ganz schön viel Lametta und eher im Zeitalter der Drag-Queens und Castingshows verortet denn im kaiserlichen Umfeld des 17. Jahrhunderts, wurde bereits an dieser Stelle glasklar gemacht, dass in einer solchen Welt keine Einheit und kein Frieden herrschen kann. Zu sehr war jede Schönheit einfach mit sich selbst beschäftigt, zu sehr ging es um unbedingten Wettstreit, zu stark waren die jeweiligen Eitelkeiten und Befindlichkeiten.

Ein Apfel, fatale Folgen

Dieser Prolog setzte die Stimmung für die eigentliche Handlung rund um den goldenen Zankapfel. Jupiter griff auch in der Innsbruck-Inszenierung schließlich zu einem Ansatz, der grundsätzlich funktionieren und den Streit hätte schlichten können: Er beauftragt den als rein geltenden trojanischen Prinzen Paride mit der Entscheidung, welcher Schönheit denn der Apfel nun wirklich gebühre.

Nur: Die streitenden Göttinnen Giunone, Pallade und Venere waren einfach zu durchtrieben. Venere köderte schließlich Paride gar mit Helena von Sparta, die sie ihm für einen an sie zugesprochenen goldenen Apfel in Aussicht stellte. Dass das nicht gutgehen konnte, hätte sich nun wirklich absehen lassen.

Zank führte sogar zum Trojanischen Krieg

Dass aber dieser Zank – schließlich musste etwa die gekränkte Ehre der Göttin Pallade um jeden Preis kriegerisch verteidigt werden – sogar zum blutigen Trojanischen Krieg führen sollte, waren dann doch arg weitreichende Folgen.

Am Ende war aber wieder fast alles gut, die vielen Toten etwas weggewischt: Die Personifizierung Europas erschien, welcher der Apfel schließlich einhellig zugesprochen und übergeben wurde. Die Konsequenz: Friede, Freude, Eierkuchen und das Heraufziehen eines goldenen Zeitalters der Gemeinschaft und Glückseligkeit.

Bezüge zu Trump

An exakt dieser und auch anderen Stellen merkte man der Oper auch ihren Charakter als Auftragswerk an. Es war Cesti nicht zuletzt ein Anliegen, unter anderem den geldgebenden Kaiser Leopold I. und seine alles verbindende Regentschaft zu glorifizieren. Dieses hohe Pathos wurde in Innsbruck zwar nicht ironisiert, aber sehr geschickt mit sämtlichen Mitteln der Kunst abgefangen und abgefedert.

Das nicht nur mit höchst gegenwärtiger Schrillheit von so manchem Kostüm, sondern auch beispielsweise mit Tanzszenen, die aktuelle Strömungen aufgriffen, mit einer mehr als deutlichen Anspielung auf US-Präsident Donald Trump und dessen Eingreifen bei der Fußball-Weltmeisterschaft oder auch LGBTQ-Referenzen, die die Oper stellenweise ganz ins Hier und Jetzt verfrachteten, ohne sie jedoch allzu sehr an einen Zeitgeist anzugleichen und damit zu glätten.

Großartige Leistungen der Sänger

Eindrucksvoll neben dieser Wandelbarkeit und Anschlussfähigkeit des Opernstoffs an die Gegenwart, die aber nie zu Beliebigkeit wurde, war auch das Orchester von Dantone, die „Accademia Bizantina“. Mit feinem Klang, subtil agierend und doch mitreißend legten sie den Grundstein für die durchwegs gute bis großartige Sängerzunft.

Besonders herausragend dabei etwa Mauro Borgioni als Paride oder auch Mathilde Ortscheidt als seine verschmähte Geliebte Ennone. Stark auch die Göttinnen: Shira Patchornik als Pallade, Jone Martinez als Venere und Sophie Rennert als Giunone.

Erfolgreiche „Materialschlacht“, begeistertes Publikum

Nach fast sieben Stunden Netto-Oper war nach zwei Abenden schließlich ausgesungen, ausgelitten und auch die insgesamt 23 Bühnenbilder mussten nicht mehr stetige Wechsel vollziehen. Die „Materialschlacht“ hatte sich jedenfalls bezahlt gemacht: Die 20 Sängerinnen und Sänger hatten teils in Dreifachrollen und damit 47 Figuren einen regelrechten Kosmos von Bezügen und Geschichten geschaffen, von denen man sich auch nach den vielen Stunden durchaus noch mehr hätte erzählen lassen wollen.

Das Premierenpublikum im Großen Haus quittierte diese enorme Leistung auf allen Ebenen – sei es Regie, Darsteller, Musik, Bühne, Technik oder Sonstiges – mit heftigstem Applaus, Stehovationen und „Bravi“-Rufen. Erst nach mehr als zehn Minuten verstummten die Beifallsbekundungen schließlich langsam.