Influencer, Selfmade-Ikonen und übertriebene Körperperfektion sind auf den sozialen Medien allgegenwärtig. Das fordere viele Jugendliche stark heraus, sagt Christian Netzer, Kinder- und Jugendanwalt Vorarlberg: „Ein Durchschnitt ist für viele nicht mehr ausreichend. Der ständige Drang, perfekt sein zu wollen und auch zu müssen, ist eine enorme Belastung für junge Menschen.“
Täglich wird viel – und vor allem viel Unrealistisches – vorgelebt. Dadurch bleiben nicht nur die Entwicklung des eigenen Charakters und eigener Meinungen, sondern auch das Ausleben persönlicher Wünsche und Vorstellungen auf der Strecke. Auch die Wahrnehmung von Schönheit und damit das eigene Selbstbild würden sich an oft überzogenen Normen orientieren, erklärt Netzer. Bodyshaming – also Abwertung, Ausgrenzung oder Mobbing wegen des Aussehens – sei immer öfter als direkte Auswirkung zu beobachten, bei jungen Frauen ebenso wie bei jungen Männern.
Wenn Zukunft zur Belastung wird
Der Druck, bestimmten Vorstellungen zu entsprechen, beschränkt sich jedoch nicht auf das eigene Aussehen. Auch Schule und Beruf werden immer mehr zum Maßstab. „Ein wesentliches Thema ist der zunehmende Schul- und Leistungsdruck und die damit verbundene Angst vor dem Scheitern. Diese Sorge reicht längst über das Bildungssystem hinaus und betrifft die gesamte soziale und wirtschaftliche Zukunft von jungen Menschen“, sagt der Kinder- und Jugendanwalt.
Hinzu kämen die hohen Lebenshaltungskosten, besonders in Vorarlberg. Der Schritt in die Unabhängigkeit werde zunehmend schwierig. Nicht alle starten mit den gleichen finanziellen Voraussetzungen ins Erwachsenen-Leben. So müssen manche junge Menschen früh lernen, mit deutlich weniger auszukommen. Existenzängste, steigende Lebenshaltungskosten und die schwierige Suche nach leistbarem Wohnraum verstärken diese Unsicherheit.
Selbstbilder, Zukunftspläne und Erwartungen unter Druck
Unter diesem Druck leiden auch Zukunftspläne und persönliche Wünsche. „Jugendliche gehen sehr unterschiedlich mit Zukunftsvorstellungen um. Manche haben klare Vorstellungen und wissen schon früh, in welche Richtung sie gehen möchten – etwa mit einem Studium oder konkreten beruflichen Zielen. Andere wiederum beschränken ihre Zukunftsperspektiven lediglich auf die nächsten wenigen Jahre“, stellt der Experte fest.
Die Weltpolitik, wirtschaftliche Entwicklungen, Kriege, der Klimawandel sowie mögliche neue Krisen oder Pandemien prägen die Zukunftsvorstellungen junger Menschen. Dabei richtet sich ihr Blick nicht nur auf die unmittelbare Zukunft. Auch Themen wie Pension, Vorsorge und Gesundheit beschäftigen sie bereits – Fragen, die vermeintlich nur mit dem Erwachsenen-Leben verbunden werden.
Unsicherheit am Arbeitsmarkt
Gleichzeitig bekommen Jugendliche die Unsicherheiten am Arbeitsmarkt mit: Sie wissen, dass Unternehmen Stellen abbauen und Arbeitsplätze unsicher werden können. Damit einher geht auch die „Sorge, keinen gut bezahlten Job zu finden und den eigenen Lebensstandard nicht halten zu können“, sagt Netzer.
Denn mit dem vorgelebten Lebensstandard gehen auch bestimmte Erwartungen einher – jene, die Jugendliche an sich selbst stellen, aber auch jene, die von ihren Freunden und Familien an sie herangetragen werden. „Lange galt die Vorstellung, dass nachfolgende Generationen wirtschaftlich besser gestellt sein würden als die vorherigen. Für viele junge Menschen ist das heute jedoch nicht mehr selbstverständlich“, sagt Netzer.
Was brauchen junge Menschen?
Die vielfältigen Belastungen und manchmal ungewissen Zukunftsaussichten wirken sich auch auf die mentale Gesundheit aus. Gleichzeitig ist der Zugang zu rascher und niederschwelliger psychischer Unterstützung häufig nicht selbstverständlich.
Gerade wenn es Jugendlichen psychisch nicht gut geht, können zu lange Wartezeiten oder gar ein fehlendes Angebot gravierende Auswirkungen haben, warnt Netzer und fordert daher, dass diese niederschwelligen Zugänge konsequent ausgebaut werden und diese vor allem anonym, vertraulich und kostenlos bleiben.
Doch junge Menschen brauchen nicht nur Unterstützung bei der Bewältigung ihrer täglichen Sorgen und Herausforderungen, sondern auch Freiräume, antwortet Netzer auf die Frage, was sich zudem noch ändern muss: „Mehr eigener Raum. Mehr Treffpunkte, an denen man sich austauschen und die Freizeit verbringen kann – vor allem, ohne konsumieren zu müssen.“
Mehr als „nur Gehör“ nötig
Bei Entscheidungen, die ihre eigene Zukunft betreffen, müssten junge Menschen noch stärker eingebunden werden, appelliert Netzer. Es reiche nicht aus, ein offenes Ohr anzubieten. „Jugendliche müssen mehr Möglichkeit haben, ihre Perspektiven einzubringen und mitzugestalten – das ist Partizipation“, betont der Kinder- und Jugendanwalt.
Denn trotz aller Unsicherheiten sind Jugendliche nicht nur mit Problemen konfrontiert. Sie bringen wohl auch genau deswegen Ideen, Fähigkeiten und konkrete Vorstellungen für die Zukunft mit. Entscheidend sei, ihnen die nötigen Räume, Unterstützung und Mitsprache zu geben, damit daraus auch tatsächlich Perspektiven entstehen können.