Stephan Philipp, Fachbereichsleiter für Waldökologie und Forstplanung der Landes-Forstabteilung, hat eine einfache Erklärung für das Phänomen: „Das ist eine Schutzreaktion der Bäume gegen die momentan doch sehr starke Trockenheit. Bäume verdunsten Wasser, das ihnen wegen der trockenen Waldböden allerdings fehlt.“
Der Baum verliert über die Blätter mehr Wasser, als die Wurzeln aufnehmen können. Mit einem Stresshormon beginnt eine natürliche Reaktion: Als erstes schließen sich die sogenannten Spaltöffnungen – das sind winzig kleine Poren, die CO2 aufnehmen, Sauerstoff abgeben und Wasser verdunsten. Durch die geschlossenen Poren fehlt das CO2, wodurch die Fotosynthese stark reduziert oder sogar eingestellt wird. Wenn es langanhaltend extrem trocken ist, werden die Blätter welk und die Bäume werfen sie als weitere Schutzmaßnahme schließlich ab.
Von Region zu Region unterschiedlich
Betroffen sind vor allem Laubbäume wie Buchen, Eschen oder Linden. Diesen natürlichen Vorgang können die Bäume aber gut überstehen, erklärt der Experte. Zudem sei das Phänomen nicht in jeder Region gleich intensiv ausgeprägt, denn es kommt auf die Baumarten, die Waldzusammensetzung und die Bodenbeschaffenheit an: „Ein tiefgründiger Lehmboden kann das Wasser viel länger und besser speichern. Ein Baum, der auf einem kiesigen oder sandigen Standort steht, an dem die Wurzeln auch relativ bald an einem Felsen anstehen, wird seinen Wasserhaushalt daher eher einstellen. Deswegen ist das frühere Herbsteln in den heimischen Wäldern derzeit auch unterschiedlich zu beobachten.“
Bäume können Jahrhunderte überdauern
Trockenperioden stellen langfristig kein großes Problem für Bäume dar, führt Philipp aus: „Die Wälder sind nicht generell anfälliger oder fragiler, sondern die Hitze nimmt immer mehr zu. Dass Bäume längere heiße Phasen gut überstehen können, sieht man auch daran, dass manche Exemplare seit Jahrhunderten am selben Standort stehen.“
Beispiele für solche Methusalem-Bäume gibt es sogar außerhalb von Wäldern: Als ältester Baum in Vorarlberg gilt die rund 1.000 Jahre alte Eibe bei der Kirche St. Corneli in Feldkirch-Tosters. Auch in Alberschwende steht eine 800 bis 1.000 Jahre alte Linde. Und unweit der Grenze zu Vorarlberg befindet sich der älteste Baum Deutschlands, eine rund 1.100 Jahre alte „Ureibe“ – mehr dazu: Ältester Baum Deutschlands nahe Vorarlberg (vorarlberg.ORF.at, 10.04.2026).
Risikostreuung für die Zukunft
Doch ob junger oder alter Baum – die Anfälligkeit für Pilze oder Schädlinge wie Borkenkäfer steigt an, wenn ein Baum geschwächt ist. Daher achte man auch genau, dass man solche Bäume schnell findet und, falls nötig, aus dem Wald entfernt. Doch Vorarlbergs Wälder seien grundsätzlich gut strukturiert – sie gehören zu den naturnächsten in Österreich und weisen eine große Baumartenvielfalt auf.
Die Waldstrategie des Landes ziele daher darauf ab, vitale und stabile Bestände durch Pflege und eine breite Mischung auch mit exotischen Arten wie der Douglasie zu fördern. Das sei wie eine Art Risikostreuung für die Zukunft, die man auch von der Geld-Anlage kenne, sagt der Forstexperte. Schließlich steht auch hier sehr viel auf dem Spiel.
Künftig mehr Stress für Wälder
Neben dem Strukturwandel in der Forstwirtschaft, der demografischen Entwicklung und anderen gesellschaftlichen Veränderungen stellt vor allem der Klimawandel die rund 100.000 Hektar Wald in Vorarlberg vor neue Herausforderungen. Häufigere Hitzeperioden, längere Trockenphasen und andere Wetterextreme setzen die Wälder zunehmend unter Stress.