Supermarkt, Park, Schule, medizinische Versorgung – all das soll laut dem Planungskonzept in 15 Minuten erreicht werden. „Die 15-Minuten-Stadt an sich ist ja wie eine Betrachtungslinse für Städte. Da ist die Grundidee der guten Erreichbarkeit mit nachhaltigen Verkehrsmitteln, vor allem mit dem Zu-Fuß-Gehen“, sagte Landschaftsplaner Florian Lorenz vom Studio LAUT.
Die 15-Minuten-Stadt ist in weiten Teilen Wiens zumindest in der Theorie schon Realität. Das zeigt eine Erhebung der Sapienza Universität und der Sony Computer Science Laboratories (Sony CSL) in Rom, die auch mit dem Wiener Complexity Science Hub (CSH) assoziiert sind. „Weltweit betrachtet schneiden viele europäische Städte punkto Erreichbarkeit sehr gut ab – Wien ist dafür ein Paradebeispiel“, sagte Projektautor Vittorio Loreto – mehr dazu in science.ORF.at.
Wenn Frauen profitieren, profitieren alle
Die Definition der 15-Minuten-Stadt variiert jedoch, wen man dazu fragt. Die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak spricht lieber von „funktionierenden Nachbarschaften“, betont sie. „Fünf, zehn, maximal 15 Minuten und noch dazu zu Fuß erreichbar, ist das, was man landläufig mit Nachbarschaft verbindet. Das heißt auch, dass man beispielsweise Menschen immer wieder sieht, die im selben Gebiet leben. Man muss sich gar nicht kennen, aber man weiß dann aus Studien, dass die Hilfsbereitschaft höher ist, wenn man Menschen einfach vom Sehen kennt.“
Von einer funktionierenden Nachbarschaft oder einer 15-Minuten-Stadt profitieren vor allem Frauen. „Bis zum heutigen Tag sind Frauen fast doppelt so viel im öffentlichen Raum unterwegs wie Männer“, sagte Ehmayer-Rosinak. Und: „Wenn die Frauen profitieren, profitieren alle. Weil die dann mit den Kindern und oft mit älteren Menschen unterwegs sind. Also der Ansatz wäre, wenn man eine Stadt plant, für die, die es wirklich brauchen, dann profitieren eigentlich alle davon.“
Große Eingriffe in Wiens Supergrätzl
„Es gibt nicht die eine 15-Minuten-Stadt“, sagte Lorenz. Gemeinsam mit Georg Wieser hat er das Konzept für ein Projekt in Wien erstellt, das eine Form der 15-Minuten-Stadt darstellt: Das Supergrätzl in Favoriten. „Der grundlegende Gedanke hinter den Supergrätzln ist, dass man in der Fläche den Verkehr neu regelt und in Wohnquartieren Verkehrsberuhigung schafft, um die Lebensqualität in Wohnquartieren zu erhöhen“, erklärte Lorenz.
Das Supergrätzl ist ein Gebiet im zehnten Bezirk, umrandet von Neilreichgasse, Quellenstraße und Gudrunstraße – nicht weit von Quellen- und Reumannplatz. Es wurde ab 2022 stufenweise errichtet. Zuerst als Pilotphase, in der einmal nur provisorische Verkehrsberuhigungen umgesetzt wurden, erzählte Wieser. „Ab dem ersten Tag, an dem die Verkehrsberuhigung implementiert worden ist, hat man einen Unterschied auf der Straße gemerkt. Die Menschen bewegen sich anders, und sie wissen, dass sie gewissermaßen Vorrang haben.“
Erst heuer im Frühling wurden die Baumaßnahmen im Supergrätzl vollständig abgeschlossen. Statt provisorischer Maßnahmen gibt es jetzt eine Fußgängerzone, viele neue Bäume und blühende Blumenbeete. Dafür wurden die Autostellplätze um 30 Prozent reduziert.
Stadt der Insider
Eine 15-Minuten-Stadt ist aber auch oft eine Stadt der Insider, erklärt die Wiener Fußgehbeauftragte Petra Jens. „Also Orientierungshilfen, auch fürs Zu-Fuß-Gehen, das ist noch sehr unterschätzt. Die Leute sagen immer, die da wohnen, die wissen eh, wo es schön ist. Aber wie gesagt, wir haben auch Besucher hier, und selbst Leute, die neu herziehen, sollten sich möglichst schnell gut zurechtfinden können. Damit sie sich möglichst früh daran gewöhnen, ihre Wege zu Fuß zu machen.“
Das ist auch das Ziel des Supergrätzls. So umfassend wie in Innerfavoriten wird es so bald keine Umgestaltung mehr geben. Stattdessen setzt die Stadt auf Low-Traffic-Grätzel. Auch hier sind Lorenz und Wieser involviert. „Maßnahmen, die im Supergrätzl zum Einsatz kommen, sollen auch in den Low-Traffic-Grätzeln zum Einsatz kommen“, sagte Lorenz.
So könne man in vielen Grätzeln die Verkehrsorganisation neu aufstellen. Wichtig sei, so Lorenz, dass es dabei nicht bleibt: „Schritt für Schritt, wenn zum Beispiel eine Gasleitung neu gemacht wird oder eine Fernwärmeleitung verlegt wird, kann man dann in fünf, zehn Jahren eine bauliche Umsetzung machen.“