Diese Woche hat sich die Donauinsel in Budapest wieder zur „Island of Freedom“ verwandelt. Mit bis zu 95.000 Besucher:innen täglich ist das Sziget Festival eines der größten Festivals Europas. Es sind nicht nur die großen Namen, die Festivalfans aus aller Welt anlocken, sondern das umfangreiche Gesamtpaket. Es gibt nichts, was es auf dem Sziget Festival nicht gibt. Bühnen werden hier nicht nur für hunderte nationale und internationale Liveacts und DJs geboten, es gibt auch ein Kunst-Areal, Theater, Zirkuskunst, Brettspiele, ja es gibt auch Wedding Ceremonies für die „Szitizens“. So werden die Sziget Festivalgäste genannt, die hier an den Festivaltagen den Alltag hinter sich lassen können.

Für die Festivalorganisator:innen ist es die erste Ausgabe unter einer neuen Regierung. Nach 16 Jahren wurde im April diesen Jahres Viktor Orbán’s Fidesz-Partei bei der Parlamentswahl abgewählt. Die rechtskonservative Partei stand im Widerspruch zu dem, was das Festival auf der „Island of Freedom“ seit Jahrzehnten zelebriert, die LGBTIQ-Community zum Beispiel. Letztes Jahr griff die Regierung auch in das Line-Up des Festivals ein, als sie dem pro-palästinensichen Rap-Trio Kneecap für drei Jahre die Einreise ins Land verweigerte.

Wie politisch ist das Sziget?

Tamás Kádár ist CEO vom Sziget Festival und meint dazu: „We are only as far political as music and art is political. We don’t have any political agenda. We run a huge cultural event, but we have our core values. And there are years and eras in Hungarian history where our core values are in line with the government’s values. And there were years, 16 in the past, when it was kind of opposed by the government.“ Für das Sziget bedeutet das Ende der Orbán-Ära eine Rückkehr zur Normalität: „When you walk a lot against the wind and suddenly the wind stops, then you feel how much easier it is to walk.“

Dabei ist Normalität ein schwieriger Begriff. Die extreme Hitzewelle und Dürre hat Ungarn Anfang August in eine Energiekrise geführt. Das ungarische Atomkraftwerk Paks musste wegen Kühlwassermangel gedrosselt werden, die Regierung hat strenge Maßnahmen gegen Industrieunternehmen angeordnet, um Stromverbrauch zu reduzieren. Damit die AKW-Kühlung gewährleistet werden kann, plant der Ministerpräsident Péter Magyar den Wasserstand der Donau durch den Bau einer Sohlschwelle anzuheben.

Am Samstag, dem letzten Festivaltag, werden Temperaturen um die 33 Grad erwartet. Nicht ganz so drastisch wie die 35/36 Grad während den Aufbautagen Anfang des Monats, oder am ersten Festivaltag, dem Dienstag. Die Folgen der Hitzewelle sind am Festival in erster Linie beim Atmen spürbar: Verdürrte Wiesen haben sich am Festivalgelände zu feinem Staub verwandelt. Im Laufe des Festivals sieht man immer mehr Besucher:innen die mit Tüchern oder FFP2-Masken Mund und Nase verdecken. Wasserfahrzeuge am Gelände sind die eigentlichen Stars, genauso wie die Liegen mit feinem Sprühregen und überhaupt alles, was Schatten bietet. Hallo Baum! Vielleicht hätte sich der:die eine oder andere Besucher:in gar nicht in den Lichtpalast „Luminarium“ verirrt, wenn sich nicht rumgesprochen hätte, dass dort die beste, kühlste Luft zirkuliert?

Von sombr und Dijon bis zu Florence + The Machine

Bei einem Festival dieser Größe ist es schwierig mit einer Umfrage zwischen den Konzerten von Lewis Capaldi und Florence + The Machine herauszufinden welche Rolle aktuelle Wetterbedingungen für die Besucher:innen überhaupt spielt. Tagesgäste wollen Bands sehen um jeden Preis. Am Campingplatz scheint das Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ zu sein. Es ist vielleicht sowie mit dem Geld: Wieviel man am Festival wirklich ausgegeben hat, damit beschäftigt man sich erst, wenn man nachhause kommt. Stichwort: sparen, oder auch Stichwort: Nasendusche.

Lässt man diese Umstände mal außer Acht, dann ist das Festival natürlich ein Traum für Musikfans. Bis drei Uhr früh durchtanzen zu den bestgelaunten Underworld (Lager Lager LAGER!) oder dem „Seitenprojekt“ von Tom Rowland und Aurora: Tomora. Was heißt drei Uhr früh, gleich bis zum Sonnenaufgang, denn mit dem Colloseum, der Night Stage und einer neuen Bühne „Der Klub“ hat das Festival für alle Rave/DrumnBass/Techno Fans bestens vorgesorgt.

Pop-Musikerin Zara Larsson ist der Inbegriff vom Sommer erzählen begeisterte Besucher:innen nach ihrem Konzert. Während Schottlands Rockband Nr. 1, Biffy Clyro, auf der Hauptbühne performen, drängen sich tausende zur zweitgrößten Zeltbühne (oder in die Nähe dieser) um sich bei Natasha Bedingfield’s „Unwritten“-Hymne die Seele aus dem Hals zu schreien. Überhaupt setzt das Festival auf Big Emotions bei ihren Headlinern: Florence + The Machine, Twenty One Pilots, Bring Me The Horizon und sombr, der meinte „I want to come to Budapest every year till the day I die! You guys have shown me the most love!“ und eine Realitätsflucht-Ansprache hielt: „The world is a scary place right now and life can suck. But I want to let you guys know we’re going to get through it. Forget about everything going on that may suck in your life. Get lost in the music. To look at your eyes every night and watch how you guys respond to the music really reminds me why I keep doing this. Here in sombr-land you will always be accepted!“

Der musikalisch interessanteste Performer war allerdings der amerikanische Musiker und Produzent Dijon. Justin Bieber verdankt ihm seine Grammy-Nominierung für „Swag“, auch Bon Iver und Mk.gee vertrauen auf Dijon als Kollaborator. Seine sechsköpfige Band hat ihn als den RnB-Rock-Soundmeister glänzen lassen, der er ist. Prince und David Bowie hätten Dijon geliebt. Definitiv eines der Highlights vom diesjährigen Sziget Festival.

Kids Don’t Smoke auf der Light Stage

„I wanted to start a moshpit for sombr but people weren’t into it!“, erzählt ein Festivalbesucher aus Neuseeland. Er trägt ein Nonnenkostüm, weil warum nicht. Das Sziget Festival ist sein zweites europäisches Festival überhaupt und das erste zu dem er allein angereist ist. Nichts leichter als hier ins Gespräch zu kommen und neue friends zu finden. Es gibt schließlich einen eigenen Camping Bereich, Whatsapp-Gruppen und Reddit-Threads für Solo-Travellers. Das Nachmittagsprogramm hat er nach den keywords „Rock“ gescannt und ist vor der Light Stage gelandet wo die österreichische Band Kids Dont Smoke spielt. Dort ist sein Moshpit-Plan aufgegangen.

Kids Dont Smoke sind auf dem Festival gebucht, weil sie dank der FM4 Community das „Welche österreichische Band soll am Sziget Festival spielen?“-Voting gewonnen haben. Die Light Stage ist eine Holzbühne, die von Bäumen umzäunt wird. Die Atmosphäre entspricht einer Mischung aus „Wohnzimmer“ und „Feen-Wald“. Es ist nicht leicht einen Nachmittagsslot zu spielen, der Moshpit-Animateur aus Neuseeland hat der Band aber zu einem erinnerungswürdigen Gig verholfen. Die Menschen sind aus allen Himmelsrichtungen Richtung Bühne geströmt. „Ich liebe Festivals!“, sagt Kids Don’t Smoke-Sänger Jan beim Interview. Für den Musiker war das ein guter Start in eine Zukunft, die hoffentlich aus noch mehr Festivalterminen bestehen wird.

Am Samstag, dem letzten Festivaltag wird EDM-Ikone Skrillex als Closing-Act auf der Hauptbühne auftreten. 2027 wird das Sziget Festival vom 10. bis 14. August in Budapest stattfinden.