Eine Glocke, die 24 Stunden läutet: ein schönes Synonym dafür, was Marianne Mendt seit Beginn ihrer Musikkarriere – letzten September ist sie 80 Jahre alt geworden – den lieben langen Tag so macht. Sofie Royer, die heuer gemeinsam mit Wolfgang Lehmann für das musikalische Popfest-Programm verantwortlich ist, outet sich schon im Vorfeld als großer Mendt-Fan; das hat mit geteilten Proberäumen und aber vor allem mit großem Respekt und Liebe für die Unermüdlichkeit des Immer-weiter-Machens zu tun.

Gestern Abend singt Sofie, obwohl gesundheitlich angeschlagen und leider für den Rest des Abends dann auf der Couch (gute Besserung!) gemeinsam mit Marianne Mendt das Glockenlied, es ist herrlich. Sofie, die dem Dialekt sonst nicht unbedingt nahe steht, aber spätestens seit gestern weiß, wie gut er ihrer Stimme passt. „A Premiere für Sofie!“, ruft Marianne Mendt liebevoll schon beim Soundcheck dem Publikum, dass sich natürlich schon einige Zeit vor dem wirklichen Auftritt vor der Bühne versammelt hat, zu. „Ob’st es alan, zu zweit oder zu dritt singst, es is gor ned so afoch!“

Donnerstag, 18.30, die Regenschauer haben uns nur sanft gestreift, die nächste Hitzewelle kündigt sich an, sie wird uns aber voraussichtlich noch an diesem ersten und auch den kommenden vier Festivaltagen verschonen. Geschwitzt wird vielleicht dann noch am ehesten drinnen, in den Räumlichkeiten, die das Popfest auch schon immer in den letzten Jahren bespielt hat: den Prechtlsaal der Technischen Universität gleich neben der großen Seebühne am Karlsplatz, zwei Bühnen im Wien Museum, dem Club-U, an dem wir später am Donnerstag noch auf österreichische Musik-Spurensuche gehen. Das Wiener Label Edition Hawara hat seine große Liebe für musikalische Raritäten im Bereich, Boogie, Jazz oder Reggae in die schön abgefuckten Räumlichkeiten ebendort gezimmert.

Über „Austropop“ nachdenken

Mit dem Eröffnungsset jedenfalls von Marianne Mendt gibt’s auch endlich wieder einen guten Aufhänger, über den nicht immer so sehr geliebten Begriff „Austropop“ nachzudenken. Dass das eine mehr überholt ist als das andere, erfahren wir am ersten Popfest-Abend, wo österreichische und in dem Fall auch deutschsprachige Popmusik in ihren verschiedensten Möglichkeiten auf die Bühne geholt wird. Nicht nur über Austropop wollen wir nachdenken, sondern mehr noch über die Frage, wie sehr eine Einordnung einengt und wie Musiker:innen da oftmals und ungewollt zwischen den Stühlen sitzen. Kaum singst du im Dialekt, musst du dir besagtes Austro-Mascherl hierzulande anhängen lassen; auch, wenn deine musikalisch-geistige Heimat – im Fall von Marianne Mendt – vielmehr im Chanson- und manchmal sogar im Jazz-Bereich zu suchen wäre. Sie genießt ihren gestrigen Auftritt sehr, mal steht sie, mal singt sie im Sitzen, auch die langen Schmähs zwischen Romanen, die sie mag und Aufenthalten in Rio de Janeiro werden lieber vom Mendt-Thron aus berichtet. Sie hat ihn sich verdient.

Die „Glockn“ (veröffentlicht 1970) und ihren ersten Mitstreiter, „Da Hofa“ aus dem Jahr 1971, umkreist ja obendrauf eine Frage: Welches der beiden war das allererste Austropop-Lied überhaupt? Fest steht zumindest, dass sich mit beiden diesen Songs etwas Grundlegendes am nationalen Selbstverständnis der Pop- bzw. Rock’n’Rollszene verschoben hat. Popfest-Co-Begründer und Musikjournalist Robert Rotifer wird mit Marianne Mendt und Joesi Prokopetz, der als damals 19-Jähriger den Text des „Hofa“ geschrieben hat, sprechen – um vielleicht zu klären, wie damals wirklich alles abgelaufen ist. Wenn ihr Neugier und/oder Meinungen dazu habt, rein mit euch ins Wien Museum, heute um 16.00 Uhr, zum Talk „Von der Glockn zum Hofa“.

Fragt man die Menschen, die sich schon gestern am Karlsplatz herumgetrieben haben, an was sie denken, wenn sie „Austropop“ hören, hört man folgende Statements: „Der Nino aus Wien, Marianne Mendt, Voodoo Jürgens, Danzer, Fendrich“. Oder, super: „Es bedeutet für mich auch oft, nicht in Österreich berühmt werden, sondern woanders, und dann wieder zurückkommen.“

Anna Buchegger auf der aktuellen Höhe ihrer Kunst

Und dann wandern wir gestern eh nur wenige Schritte nach rechts oder links und damit hinüber zu Anna Buchegger und ihrer hervorragenden Liveband. Anna will, wie sie sagt, „den Heimatbegriff jung, innovativ und feministisch“ machen. Krampusse treiben gestern auf der Seebühne wenn, dann höchstens das Patriarchat aus (wie’s auf ihren Rücken geschrieben steht). Wolfgang Möstl, der Annas Auftritt gestern ankündigt, erzählt noch kurz vorher, wie sehr er das Jodeln liebt, sie beginnt dann auch gleich und noch am Bühnenrand, ihm genau damit ein Ständchen zu bringen.

Annas Lieder gibt’s im Salzburger Dialekt, im FM4-Interview kurz vor der Show geht’s auch genau darum. Anna erzählt, sie habe lang versucht, eben diesen abzulegen, weil ihr auch in diversen Bildungseinrichtungen nahe gelegt worden wäre, dass man im Dialekt „nix Intelligentes“ ausdrücken könne. Einen größeren Blödsinn haben wir selten gehört und nicken mit Anna, wir nicken ihr zu bis sie auf die Bühne läuft, „immer nervös“, lacht sie, und immer hinreißend. Wunschzettel: Einen Abend nur mit Anna Buchegger über die besten Dialektwörter, über zu lange Abende mit zu viel Sprudel, über ihr allererstes Konzert (am Hackbrett mit vier Jahren, „da könnt’ i jetzt sogn, i spü immer no wie a Vierjährige!“) und noch so viel mehr reden.

Manchmal brauchen die besten Dinge und Menschen, also etwa Anna Buchegger auf der aktuellen Höhe ihrer Kunst, auch ein bissi Zeit. 2021 gewinnt sie die ORF-Show „Starmania“, 2024 erscheint ihr erstes Album „Windschatten“. Richtig angekommen, so fühlt mans, ist sie mit ihrem neuesten Album „Soiz“. Annas Stühle, oder jedenfalls die, zwischen denen sie sitzt, heißen „Mainstream“ und „Alternative“ – schon in den letzten Jahren hat das Wiener Popfest alles eher zu einer einzigen Bank liebevoll zusammengeschustert. Gedankenblitz! Vielleicht könnt ihr euch dran erinnern, was uns Kreisky letztes Jahr, auch kurz vor ihrem Popfest-Auftritt, erzählt haben: Sie empfinden sich selbst als Tischler, und sie bauen Stühle. Und diese Stühle, die präsentieren sie dann der Welt (also euch, live).

Ob Lusterboden schon einmal über den Begriff „Austropop“ nachgedacht haben und wie er zu ihrer Musik passt? Sie spielen ebenfalls gestern Abend auf der großen Seebühne, ein Sehnsuchtsset zwischen verlorener Liebe, Mund- und Ziehharmonika und Mittelmeer, die Wellen rauschen zumindest am Karlsplatz-Teich. Sommerabend-Stimmung mit ein paar kleinen Kratzern, vielleicht geblendet vom großen, gelben FM4-Schild auf der Bühne wird darauf hingewiesen, dass das so alles noch nicht oft im Radio gelaufen ist. Subtilität und Geduldig sein sind eben auch Dinge, die man vielleicht erst along the way lernt, bis dahin schunkeln wir in den ersten Reihen und singen Texte mit, die wir erst gestern Abend gelernt haben. So ist das Popfest ja nämlich auch: Ein Herzeigen dessen, was wir morgen vielleicht schon mit Freund:innen und der Welt teilen wollen.

luisa schweig im Wien Museum

luisa schweig spielt währenddessen ihren größten Gig to date im Wien Museum, wir kennen sie selbst erst seit Anfang des Jahres, gerade ist sie 17 Jahre alt geworden, auch so geht Popfest. luisa ist klug und lustig und sagt im Gespräch tatsächlich (und logisch) noch schulisch geprägte Dinge wie etwa, dass eine Frage mit einem „W-Wort“ beginnen sollte. Auf der Bühne hat sie eine kreidebeschriftete Tafel mit! Bevor luisa ihr Matura- und somit letztes Schuljahr startet, startet sie aktuell in ihrem ersten Festivalsommer richtig durch. Mit dabei: Rapper CHURRO64 und die besten Freund:innen, die auf der Bühne als Animateur:innen, Back-Up-DJs und Duettpartner:innen ihren Spaß haben.

Ob jetzt also luisa schweig schon einmal über Austropop nachgedacht hat? Das „Austro“-Präfix ist ja prinzipiell scheußlich; wir gehen mal davon aus, dass zu Begriffsfindungszeiten halt niemand „Österreich-Pop“ dazu sagen wollte. Sprach- und Ländergrenzen sind in den letzten Jahren ein bisschen mehr ausgefranst, zumindest dann, wenn es um Menschen geht, die alle mit der deutschen Sprache im Leben und in der Musik aufgewachsen sind. luisa schweig singt, wie sie spricht, in einer generationstypischen Form von Hochdeutsch, die nur mehr ab und zu und dann auch nur abseits der Bühne noch ein „ned“ oder ein „i“ (für „ich“) hergibt. Deutscher Pop mit burgenländischer Schlagseite, der genauso gut in Linz, in Salzburg oder in Wien geschrieben werden könnte. Eine gute Sache, allumfassend soll der Anspruch sein, ähnlich wie Sätze, die luisa jetzt ja auch hoffentlich bald auf ihre T-Shirts drucken lässt: „Reden ist Silber, schweig ist Gold“. Dazu passend ein gestriger Nach-Konzert-Moment mit ihr: „Hast gesehen, wir haben jetzt endlich auch Merch!!“

Tamara Flores schließt die Seebühne

Herumstreunern am Karlsplatz, viel nachdenken über deutsche Textzeilen und dann eh auch gleich wieder alles dazu verwerfen. Tamara Flores spielt gestern Abend den abschließenden Slot auf der Seebühne; auch sie kennen wir erst ein bisschen länger als luisa schweig. Mit ihnen beiden im Vergleich sieht man auch, welche verschiedenen Arten vom nicht nur Musikmachen, sondern auch -releasen es geben kann. Sinnbild dicke, gehaltvolle, süße Erdbeermarmelade: Manche kochen ihre Lieder, die Produktion, die Bühnenpräsenz inklusive höchst beeindruckender Tanz-Choreografien und den dazu passend umgesetzten Looks so lange und verborgen vor der Öffentlichkeit ein, dass es knallt, gehen sie damit raus.

Vor ungefähr einem Jahr hat’s bei Tamara Flores geknallt, sie hat ihre erste Single „Mi Amor“, später dann den Superhit „Chingona“ und dann das nicht weniger aufwendige „Infinito“ veröffentlicht. Tamara schreibt, singt und performt auf Deutsch und auf Spanisch, sie ist in Wien als Tochter einer Mexikanerin aufgewachsen und fährt gern auch mal zu ihrer Oma nach Ataclán in den Bergen von Veracruz, um dort besagt groß gedachte Musikvideos zu drehen. All diese Geschichten erzählt sie uns gestern auch auf der Bühne, sie ist atemlos und atemlos glücklich, wie sie sagt und strahlt. Letztes Jahr ist Tamara auch schon auf der Seebühne gestanden, damals gemeinsam mit Mietze Conte, und da hat sie schon drüber nachgedacht, wie’s wäre, selbst hier mit ihrem eigenen Projekt zu spielen.

Was sich in einem Jahr zumindest nicht geändert hat: die Querflöte ist vorn mit dabei, weil sie „so ein leichtes Instrument ist“, sagt Tamara im FM4-Interview, „ich find’s dann cool, wenn man einen elektronischen Beat drüberfetzt“, lacht sie weiter. Sie hat sich gestern einen Traum erfüllt, davon hat auch davor schon Anna Buchegger gesprochen, wenn sie von ihrer Musik und dem Musikmachen generell spricht. Und die beste Zeile von luisa schweig, die geht so: „Große Träumer, ich bin einer davon“. Wenn sie dir dann noch „HDGDL“ bei der Verabschiedung in die Nacht hinterherruft, dann ist klar: War ein guter, erster Popfest-Abend 2026.