„Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet“, sagte Polizeisprecher Florian Nath. Generalstaatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Berlin teilten mit, sie ermittelten „aufgrund des Verdachts eines Anschlags“.
Die Behörden warnten: „Sollten Sie den Tatverdächtigen antreffen, wählen Sie unverzüglich die 110! Sprechen Sie ihn nicht an, er ist möglicherweise bewaffnet und gefährlich!“ Der Verdächtige wird als schlank und etwa 1,90 Meter groß beschrieben. Nach dpa-Informationen hat der Tatverdächtige Familie in Berlin und wurde erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen.
Auto fuhr in feiernde Menschenmenge
Der Verdächtige war gegen 22.00 Uhr mit einem weißen Kastenwagen in der Nähe des Potsdamer Platzes plötzlich in die Menschenmenge gefahren. Laut Polizei erlitt eine Frau tödliche Verletzungen. Neben ihr gab es nach Angaben von Feuerwehrsprecher Dominik Pretz 16 Verletzte, von denen drei lebensbedrohlich, acht schwer und fünf leicht verletzt wurden. Die lebensbedrohlich und schwer verletzten Menschen seien alle in Krankenhäuser gebracht worden.
Der Täter war mit seinem Transporter laut Polizeisprecher Nath am Ahornsteig parallel zur Lennestraße unterwegs gewesen. Dort habe er mehrere Menschen angefahren, möglicherweise auch umgefahren, bevor das Fahrzeug einen Baum rammte. Der Fahrer sei dann ausgestiegen und in unbekannte Richtung geflüchtet.
RBB: Mutmaßlicher Beifahrer gefasst
Was dann geschah, war in den Morgenstunden nicht ganz klar. „Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab. Ob jemand dann das Fahrzeug verlassen hat und mit möglichen Stichwaffen auf Personen eingewirkt und die verletzt hat“, sagte Nath. Nach Zeugenangaben sollen einige Menschen durch Stiche verletzt worden sein, manche wollen einen schwarz gekleideten Mann mit einer Machete gesehen haben.
Die Polizei prüft diese Angaben. Demnach gibt es auch unterschiedliche Aussagen dazu, ob es einen oder mehrere Täter gab. Das Gebiet rund um den Tatort wurde großräumig abgesperrt, der Tiergarten mit Wärmebildkameras abgesucht, wie Nath schilderte. Die Polizei ging zuletzt nicht davon aus, dass sich der Täter noch in dem Bereich aufhält, sondern anderswo in Berlin ist.
Noch in der Nacht soll es eine Festnahme gegeben haben. Dabei soll es sich nach Informationen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft handeln. Die Polizei geht davon aus, dass er mit im Auto saß.
Polizisten durchsuchen Gebiet rund um Auto
Noch ist unklar, ob der flüchtige Verdächtige wirklich das Fahrzeug steuerte und wem der weiße Kastenwagen gehört. Es handle sich um ein Privatfahrzeug, nicht um einen Mietwagen, erklärte Polizeisprecher Nath. Das leere und stark demolierte Fahrzeug wurde im Bereich des Tatorts sichergestellt. Am späten Vormittag begannen Polizisten, das Gebiet rund um das Fahrzeug zu durchsuchen.
Pfeifer: „Schockerlebnis für Berlin“
ORF-Deutschland-Korrespondent Andreas Pfeifer meldet sich aus Berlin und spricht über den aktuellen Wissenstand. Der Tathergang sei „nicht ganz geklärt“ – es sei ein „Schockerlebnis für Berlin“.
Hausdurchsuchung in Berlin
In den Stunden nach der Attacke gab es nach Angaben des Polizeisprechers mehrere Polizeieinsätze in Berlin, die im Zusammenhang mit der Tat standen. Dazu gehörte eine Durchsuchung gegen 1.10 Uhr in einer Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Da dort niemand angetroffen wurde, habe es auch keine Festnahme gegeben, sagte Nath der dpa.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) reagierte bestürzt auf den Vorfall: „Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft – nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert.“ Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) bot noch am Abend den Landesbehörden die Unterstützung des Bundes an.
Merz verurteilt Tat
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz verurteilte die Tat. „Was für eine abscheuliche Tat in Berlin“, schrieb er auf X. „Hunderttausende Menschen aus aller Welt feierten friedlich beim Christopher Street Day. Sie wollten, dass wir gut und tolerant miteinander umgehen. Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft“, so Merz weiter.
Auch aus der Kirche gab es entsetzte Reaktionen. Der Berliner katholische Erzbischof Heiner Koch meinte gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Wie schrecklich! Ein so frohes und bewegendes Fest brutal zu zerstören“ und fügte hinzu: „Der Hass darf nicht gewinnen.“
Meinl-Reisinger „zutiefst erschüttert“
Auch aus Österreich gab es erste Reaktionen. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) äußerte sich auf X „zutiefst erschüttert“. „Der CSD steht für Liebe, Freiheit und Zusammenhalt. Diese Werte lassen wir uns nicht nehmen. Liebe ist stärker als Hass“, schrieb sie in ihrem Eintrag.
Fassungslos und traurig zeigte sich auch SPÖ-Gleichbehandlungssprecher Mario Lindner in einer Aussendung. Wenn „die Feinde unserer offenen Gesellschaft unsere Vielfalt angreifen, dann werden wir immer mit mehr Zusammenhalt, mehr Sichtbarkeit und mehr Solidarität antworten“, so der SPÖ-Politiker.
Hunderttausende bei der Parade
Hunderttausende Menschen hatten in der Hauptstadt am Samstag den CSD gefeiert. Die Straßenparade – Höhepunkt eines bunten Programms während der Woche – begann zu Mittag und endete abends am Brandenburger Tor. Mit ihrem Demonstrationszug wollten die Veranstalter ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt setzen. Am Abend trat unter anderen Popmusikerin Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor auf.
Nach dem Auftritt wurde das Bühnenprogramm zunächst fortgesetzt, bis wenig später ein Moderator die Menschen aufforderte, das Veranstaltungsgelände umgehend, aber ruhig und geordnet zu verlassen. Auf den Videoleinwänden am Brandenburger Tor erschien auf gelbem Hintergrund das Wort „Evakuierung“. Die Besucher wurden aufgefordert, nicht in Richtung Siegessäule zu gehen, sondern die U-Bahn-Eingänge am Brandenburger Tor zu nutzen.
Auch in sozialen Netzwerken forderte der Veranstalter die Besucher auf: „Bitte geht nach Hause. Der CSD ist abgebrochen.“ In der Nacht sagten die CSD-Organisatoren dann zwei für Sonntag geplante Veranstaltungen ab.