Der Täter habe zuerst Menschen mit seinem Fahrzeug erfasst und sei anschließend mit einer Stichwaffe, vermutlich einer Machete, auf weitere Menschen losgegangen, sagte der Innenminister bei der Pressekonferenz am Sonntagnachmittag. Der Tatverdächtige sei 2005 in Deutschland geboren und deutscher Staatsbürger – er habe libanesischen Hintergrund, seine Mutter sei 2002 eingebürgert worden.

Der mutmaßliche Täter habe sich den Erkenntnissen zufolge radikalisiert und gehöre der islamistischen Szene an. In der Vergangenheit sei der Beschuldigte zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, sagte Dobrindt. Dagegen habe die Staatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt. Wie mehrere Medien berichten, wurde B. im Mai auf Bewährung aus der Haft entlassen – mit der Auflage, einen Deradikalisierungskurs zu besuchen.

„Möglicherweise bewaffnet und gefährlich“

Demnach wurde er angewiesen, 26 Gesprächstermine wahrzunehmen. Zwei Termine hatte er besucht. Der dritte Termin war laut „Bild“-Zeitung für Montag angesetzt. Mehrere Medien berichteten, dass der mutmaßliche Täter Sympathien für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehabt haben soll. Die Polizei warnte in einer am Sonntag auf X veröffentlichten Erklärung davor, den Verdächtigen anzusprechen.

„Sollten Sie den Tatverdächtigen antreffen, wählen Sie unverzüglich die 110! Sprechen Sie ihn nicht an, er ist möglicherweise bewaffnet und gefährlich!“ Der Verdächtige wird als schlank und etwa 1,90 Meter groß beschrieben. Bereits in der Früh veröffentlichte die Polizei ein Fahndungsfoto.

Mit Auto in feiernde Menschenmenge

Der Verdächtige war am Samstag gegen 22.00 Uhr mit einem weißen Kastenwagen in der Nähe des Potsdamer Platzes plötzlich in die Menschenmenge gefahren. Laut Polizei erlitt eine Frau tödliche Verletzungen. Zunächst war von 16 Verletzten die Rede – am Sonntag sprach Innenminister Dobrindt dann von einem Todesopfer und 29 Verletzten und Schwerstverletzten.

Der Täter war mit seinem Transporter laut Polizeisprecher Nath auf dem Ahornsteig parallel zur Lennestraße unterwegs gewesen. Dort habe er mehrere Menschen angefahren, möglicherweise auch umgefahren, bevor das Fahrzeug einen Baum rammte. Der Fahrer sei dann ausgestiegen und in unbekannte Richtung geflüchtet.

RBB: Mutmaßlicher Beifahrer gefasst

Das Gebiet rund um den Tatort wurde großräumig abgesperrt, der Tiergarten mit Wärmebildkameras abgesucht, wie Nath schilderte. Die Polizei ging zuletzt nicht davon aus, dass sich der Täter noch in dem Bereich aufhält, sondern anderswo in Berlin ist.

Noch in der Nacht soll es eine Festnahme gegeben haben. Dabei soll es sich nach Informationen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft handeln. Die Polizei geht davon aus, dass er mit im Auto saß.

Polizisten durchsuchen Gebiet rund um Auto

Noch ist unklar, ob der gesuchte Verdächtige wirklich das Fahrzeug steuerte und wem der weiße Kastenwagen gehört. Es handle sich um ein Privatfahrzeug, nicht um einen Mietwagen, sagte Polizeisprecher Nath. Das leere und stark demolierte Fahrzeug wurde im Bereich des Tatorts sichergestellt. Am späten Vormittag begannen Polizisten, das Gebiet rund um das Fahrzeug zu durchsuchen.

Pfeifer: „Schockerlebnis für Berlin“

ORF-Deutschland-Korrespondent Andreas Pfeifer meldet sich aus Berlin und spricht über den aktuellen Wissenstand. Der Tathergang sei „nicht ganz geklärt“ – es sei ein „Schockerlebnis für Berlin“.

Hausdurchsuchung in Berlin

In den Stunden nach der Attacke gab es nach Angaben des Polizeisprechers mehrere Polizeieinsätze in Berlin, die im Zusammenhang mit der Tat standen. Dazu gehörte eine Durchsuchung gegen 1.10 Uhr in einer Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Da dort niemand angetroffen wurde, habe es auch keine Festnahme gegeben, sagte Nath der dpa.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) reagierte bestürzt auf den Vorfall: „Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft – nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert.“

Merz: „Wir sind mehr, wir sind stärker“

Kanzler Friedrich Merz rief dazu auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit“, sagte er kurz vor einem Gedenkgottesdienst in Berlin.

„Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD hier in Berlin und in ganz Deutschland zurufen: Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“ Diese Straftäter und Extremisten hätten keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft. „Wir sind mehr, wir sind stärker“, sagte Merz.

Stocker: „Angriff auf unsere offene Gesellschaft“

Auch aus Österreich gab es entsetzte Reaktionen. „Was gestern in Berlin geschehen ist, war ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft“, schrieb Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) auf X. „Eine junge Frau wurde durch eine von Hass getriebene Tat aus dem Leben gerissen, viele Menschen wurden verletzt. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und bei allen, die diese Tat miterleben mussten“, schrieb er weiter.

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) äußerte sich auf X „zutiefst erschüttert“. „Der CSD steht für Liebe, Freiheit und Zusammenhalt. Diese Werte lassen wir uns nicht nehmen. Liebe ist stärker als Hass“, schrieb sie in ihrem Eintrag.

Hunderttausende bei der Parade

Hunderttausende Menschen hatten in der Hauptstadt am Samstag den CSD gefeiert. Die Straßenparade – Höhepunkt eines bunten Programms während der Woche – begann zu Mittag und endete abends am Brandenburger Tor. Mit ihrem Demonstrationszug wollten die Veranstalter ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt setzen. Am Abend trat unter anderen Popmusikerin Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor auf.

Nach dem Auftritt wurde das Bühnenprogramm zunächst fortgesetzt, bis wenig später ein Moderator die Menschen aufforderte, das Veranstaltungsgelände umgehend, aber ruhig und geordnet zu verlassen. Auf den Videoleinwänden am Brandenburger Tor erschien auf gelbem Hintergrund das Wort „Evakuierung“. Die Besucher wurden aufgefordert, nicht in Richtung Siegessäule zu gehen, sondern die U-Bahn-Eingänge am Brandenburger Tor zu nutzen.

Auch in sozialen Netzwerken forderte der Veranstalter die Besucher auf: „Bitte geht nach Hause. Der CSD ist abgebrochen.“ In der Nacht sagten die CSD-Organisatoren dann zwei für Sonntag geplante Veranstaltungen ab.