Das Historische Zentrum Wiens war 2017 auf die rote Welterbeliste gekommen. Grund dafür war das Heumarkt-Bauvorhaben des Investors Michael Tojner und seiner Wertinvest, das ursprünglich mit einer Höhe von 73 Metern geplant war.

Nach mehreren Redimensionierungen sind nun 49,95 Meter vorgesehen. Diese Variante, die im Jahr 2023 vorgestellt wurde, muss noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen. Eine außerordentliche Revision dagegen wurde erst vor wenigen Tagen vom Verwaltungsgerichtshof (VwGH) abgewiesen.

Die UNESCO kritisierte an dem Projekt, dass das Hochhaus den historischen Charakter der Wiener Innenstadt beeinträchtigen würde. Das Zentrum Wiens gehört wegen seines einzigartigen Stadtbildes mit Bauwerken aus Mittelalter, Barock und Gründerzeit seit 2001 zum UNESCO-Welterbe.

Diplomatie hinter den Kulissen

Die Entscheidung des Komitees ist insofern bemerkenswert, als der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS), der die UNESCO berät, im Vorfeld der Sitzung mittels „Draft Decision“ dafür plädiert hatte, Wien auf der roten Liste zu belassen. Bund und Wien hatten parallel allerdings auf diplomatischem Wege hinter den Kulissen versucht, möglichst viele Komiteemitglieder von der österreichischen Position zu überzeugen – augenscheinlich mit Erfolg.

In einem offenen Brief von 50 Expertinnen und Experten an das Außenministerium war vorab etwa die Rede von einem „regelwidrigen Manöver der Bundesregierung und der Stadt Wien zugunsten der Partikularinteressen des Investors am Heumarkt". Denn: Von Bemühung um eine dem Welterbe angemessene Lösung kann keine Rede sein, wo seit Jahren, anstatt vertragliche Verpflichtungen der Republik ernst zu nehmen, Salamitaktik und würdelose Versuche des ‚deal making‘ vorherrschen“

Historische Entscheidung „sehr schwierig umzusetzen“

Lazare Eloundou Assomo, Direktor des Welterbes, sagte indes: „Es ist das erste Mal in der Geschichte der Konvention, dass eine Stätte entgegen der Empfehlung des Sekretariats (UNESCO-Welterbezentrum, Anm.) sowie der beratenden Gremien (ICOMOS, Anm.) von der Liste der gefährdeten Stätten gestrichen wurde.“ Die Umsetzung der Entscheidung sei „sehr, sehr schwierig, ja fast unmöglich“, dennoch werde die UNESCO weiterhin ihre Unterstützung anbieten. Schweiz und Grenada, beide Mitglieder im Welterbekomitee, distanzierten sich von der Entscheidung.

Gratulation aus Wien

Sabine Haag, Präsidentin der österreichischen UNESCO-Kommission, gratulierte. Die Bemühungen der vergangenen Jahre hätten Früchte getragen. „Die Entscheidung des Welterbekomitees macht deutlich, dass für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes vor allem zwei Dinge zentral sind: Dialog und Kompromissbereitschaft. Neben der Redimensionierung des Projekts am Heumarkt ist die nunmehr deutlich stärkere Verankerung des Welterbes in den Verwaltungsprozessen der Stadt Wien ein zentrales und wesentliches Ergebnis der Entwicklungen der vergangenen Jahre“, hielt Haag in einer Aussendung fest.

SPÖ, NEOS und Grüne in Wien begrüßen Entscheidung

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sagte in einer Aussendung: „Wien hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um das historische Zentrum als UNESCO-Welterbe zu schützen und zugleich eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung unserer Stadt zu ermöglichen." Daher sei die Entscheidung zu begrüßen. „Damit ist sichergestellt, dass alle künftigen Lösungen im Rahmen der Stadtentwicklung den Wienerinnen und Wienern zugutekommen.“

Seitens NEOS in Wien hieß es, die Entscheidung sei für die Stadt von großer Bedeutung, „denn es ist ein wesentlicher Teil der Identität unserer Stadt und enorm wichtig – sowohl national als auch international. Unser Ziel war immer klar: Stadtentwicklung und Welterbeschutz sind kein Widerspruch und müssen Hand in Hand gehen.“ Diesen Weg werde man konsequent weiterverfolgen.

Auch die Wiener Grünen zeigten sich zufrieden. „Jetzt muss alles darangesetzt werden, dass Wien auch weiterhin den Verpflichtungen zum Erhalt des Welterbes nachkommt“, hieß es in einer Aussendung. Und weiter: „Die offenen Aufgaben müssen ernsthaft angegangen werden, damit die Innere Stadt ihre einzigartige Bausubstanz erhält und auch weiterhin Welterbestadt bleibt.“

ÖVP Wien für „mehr Verbindlichkeit und Weitblick“

Die ÖVP Wien sprach in einer Aussendung von einer grundsätzlich guten Nachricht, „gleichzeitig bleiben aber wichtige Hausaufgaben offen“. Es bleibe auch festzuhalten, dass Wien durch den Umgang der Stadtregierung mit dem Heumarkt-Projekt und den UNESCO-Vorgaben überhaupt erst in diese Situation geraten sei.

Zudem sei es bemerkenswert, „dass das Welterbekomitee nun anders entschieden hat, als mehrere fachliche Gremien zuvor empfohlen hatten“. Die offenen Fragen rund um das Heumarkt-Projekt und das noch ausstehende Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren würden daher weiterhin genau zu beobachten sein. Das Welterbe müsse künftig mit „mehr Verbindlichkeit und Weitblick geschützt werden“.

FPÖ Wien: Kritik an „intensivem Lobbying“

Kritik kam auch von der FPÖ Wien, ändere die Entscheidung doch nichts daran, dass das Heumarkt-Projekt einen enormen Eingriff in das historische Stadtbild bedeute. SPÖ und NEOS hätten gemeinsam mit der Bundesregierung „jahrelang intensives politisches Lobbying betrieben, um dieses Prestigeprojekt doch noch durchzusetzen. Offensichtlich wurde auf allen Ebenen Druck gemacht, damit am Ende die Interessen eines milliardenschweren Investors über den Schutz des Wiener Stadtbildes gestellt werden.“