In der Früh hatte das spanische Innenministerium von rund 49.000 Migranten binnen 24 Stunden gesprochen. Sicherheitskräfte gingen auch in Marokko gegen die Menschen, die nach Ceuta wollten, vor.
Die Menschen kamen von Marokko aus auf dem See- und Landweg in das Gebiet. Wie Medien berichteten, habe es zuvor Gerüchte gegeben, denen zufolge die Grenze zu Ceuta Donnerstagfrüh geöffnet werden sollte. Mindestens 34 Migranten sind beim Versuch, nach Ceuta zu gelangen, ums Leben gekommen, so Vivas laut Medienangaben.
In der Nacht auf Freitag übernachteten in Ceuta Hunderte junge Migranten auf den Straßen, berichtete die Zeitung „El Pais“. Viele von ihnen hätten kaum etwas am Leib getragen. „Die ganze Nacht über gab es einen stetigen Zustrom von Menschen“, hieß es aus Polizeikreisen weiter.
Bis zum Freitagnachmittag hätten sich „mehr als 37.500“ zunächst in Ceuta eingetroffene Menschen wieder nach Marokko begeben, teilte das spanische Innenministerium der Nachrichtenagentur AFP mit.
Hunderte überwanden Grenze nach Melilla
Auch in der zweiten Exklave Melilla hatten zuletzt Hunderte Migranten die Grenze überwunden. Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge von Marokko aus auf dem Landweg und über einen Damm im Süden der Stadt in das Gebiet gelangt, sagte der Präsident der autonomen Stadt, Juan Jose Imbroda, dem Radiosender Cope Donnerstagabend. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle gehalten.
Sanchez spricht von „Angriff“ auf Spanien
Die Zentralregierung in Madrid ordnete den Einsatz von in Ceuta stationierten Armee-Einheiten zur Unterstützung der Grenzbeamten an. Ministerpräsident Pedro Sanchez sprach von einem „Angriff“ und der „Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“. Bei einem Besuch im Gebiet sagte er Ceuta Unterstützung des ganzen Landes zu: „Ganz Spanien steht an eurer Seite. Wir übernehmen die Verantwortung für diese Situation.“
Der spanische Oppositionsführer Alberto Nunez Feijoo von der konservativen Volkspartei PP sprach angesichts der Entwicklungen von einer „nationalen Sicherheitskrise“. Der Vorsitzende der rechtsextremen Partei Vox, Santiago Abascal, machte Regierungschef Sanchez auf der Plattform X persönlich für die in Ceuta ankommenden Migranten verantwortlich.
Brunner: Schutz der Außengrenzen „entscheidend“
Frankreich verstärkt unterdessen seine Grenzkontrollen zu Spanien. Frankreichs Innenminister Laurent Nunez erklärte am Freitag via X, er habe Anweisungen erteilt, „die Kontrollen an der spanischen Grenze unverzüglich zu verstärken“.
Wie EU-Migrationskommissar Magnus Brunner Donnerstagabend mitteilte, sei der Schutz der EU-Außengrenzen ein „entscheidender Teil unserer Bemühungen zur Bekämpfung illegaler Migration“. Man sei mit den zuständigen Behörden in engem Kontakt.
Er habe dem spanischen Innenminister Grande-Marlaska zugesagt, Spanien – auch durch Frontex – zusätzlich zu unterstützen, um die Situation so rasch wie möglich unter Kontrolle zu bringen.
Frontex: Spanien hat noch keine Hilfe angefordert
Unterdessen hieß es am Freitag von der EU-Grenzschutzagentur Frontex, keine Bitte um Unterstützung aus Madrid erhalten zu haben. „Frontex kann einen Mitgliedstaat unterstützen, jedoch nur auf dessen Ersuchen hin“, teilte die Behörde mit. Man beobachte die Situation laufend.
Erinnerungen an 2021 geweckt
Die Bilder wecken Erinnerungen an die Ereignisse vor fünf Jahren. Im Mai 2021 hatten innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen von Marokko aus in die Exklave übergesetzt. Madrid warf Rabat damals „Erpressung“ vor. Man war davon überzeugt, dass die Grenzkontrollen gelockert oder gar ausgesetzt wurden, um Madrid im Streit über die Westsahara unter Druck zu setzen.
Hintergrund des damaligen Konflikts war der Streit über die frühere spanische Kolonie, die größtenteils von Marokko kontrolliert und von der Unabhängigkeitsbewegung Polisario für einen eigenen Staat beansprucht wird. Spanien hatte den Anführer der Polisario 2021 aus humanitären Gründen zur Behandlung aufgenommen, das löste in Rabat heftige Verstimmung aus.
Die Beziehungen entspannten sich erst 2022, nachdem Sanchez den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara als „die ernsthafteste“ Grundlage für eine Lösung bezeichnet hatte. Seither arbeiten Madrid und Rabat in Migrations- und Sicherheitsfragen wieder enger zusammen.
Einzige Landgrenze der EU mit Afrika
Ceuta hat ebenso wie die spanische Exklave Melilla die einzige Landgrenze der EU mit Afrika. Die Gebiete sind deshalb regelmäßig Ziel von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach Europa wollen. Marokko ist für viele Migranten ein Transitland auf dem Weg nach Europa.
Für die Enklaven Ceuta und Melilla in Afrika gilt ein besonderer Grenzstatus mit einer doppelten Kontrolle an den Außengrenzen: Eine Kontrolle erfolgt bei der Einreise aus Marokko, eine weitere beim Weiterreisen auf das spanische Festland. Wer den Grenzzaun von Ceuta überwindet, befindet sich daher nicht automatisch im EU-Raum des freien Personenverkehrs, sondern muss vor der Weiterreise eine zusätzliche Grenzkontrolle passieren.
Rufe nach Schengen-Ausschluss Spaniens
Aufgrund der Ereignisse in Nordafrika forderte Italien den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum. Ihre Regierung sei dabei, „die zuständigen Stellen zusammenzubringen“, erklärte Italiens Ministerpräsidentin Georgia Meloni.
Spanien habe „vollkommen dabei versagt, die Außengrenze des Schengen-Raums vor dem Eindringen zu schützen“, erklärte die finnische Innenministerin Mari Rantanen von den finnischen Rechtspopulisten via X. Finnland schloss sich damit dem Vorstoß Italiens an, Spanien aus dem Schengen-Raum auszuschließen.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen riet der EU, einen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum in Betracht zu ziehen.
Stocker sieht Schengen-Freiheit in Gefahr
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) forderte zu konsequentem Handeln auf. „Jetzt ist entscheidend, dass Spanien seiner europäischen Verantwortung nachkommt und sicherstellt, dass kein einziger illegaler Migrant auf europäisches Festland gelangt“, so Stocker.
Sollte sich die Lage so entwickeln, „dass wir Druck auf unsere nationalen Grenzen spüren, werden wir alles unternehmen, um diese zu schützen – dazu gehören im Bedarfsfall auch temporäre Schließungen der Schengen-Grenzen“, so Stocker.
FPÖ sieht „Bankrotterklärung“
Die FPÖ-Europaabgeordnete Petra Steger bezeichnete am Freitag in einer Aussendung die Ereignisse als „vollständige Bankrotterklärung der europäischen Migrationspolitik“.