Zuletzt griffen die Huthis in der Nacht auf Samstag die jemenitische Hafenstadt Mokka an. Laut der Regierung des Jemen wurden dabei mehrere Zivilisten getötet. Der Hafen musste den Betrieb unterbrechen. Die Huthi-Rebellen erklärten ihrerseits, sie hätten mit ballistischen Raketen Waffen und Kriegsschiffe angegriffen, die zu den von Saudi-Arabien unterstützten Truppen gehörten.

Im Jemen kämpft die international anerkannte Regierung gemeinsam mit einer von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition gegen die Huthis. Die Anfang der 2000er im Norden des Landes entstandene Bewegung hatte 2015 die Macht im Jemen übernommen, nachdem sie das ohnehin schon sehr arme Land förmlich überrannte und in einen Bürgerkrieg stürzte. In dem Krieg kamen durch direkte militärische Folgen mehr als 150.000 Menschen ums Leben.

Die Huthis, die sich selbst als Ansar Allah (dt. Helfer Gottes) bezeichnen, herrschen seitdem über den Großteil des Nordwestens im Jemen mit rund 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern bzw. mehr als zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung des Landes, inklusive der Hauptstadt Sanaa. Seit April 2022 gilt ein von der UNO vermittelter Waffenstillstand, der laut den Vereinten Nationen nun so stark gefährdet ist wie schon lange nicht mehr.

„Spirale der Eskalation“

Laut Weissenburger, er forscht am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zur Huthi-Bewegung, waren die Huthis stets bemüht – sowohl im Rahmen des Gaza-Krieges als auch bis jetzt im Iran-Krieg –, Saudi-Arabien nicht gegen sich aufzubringen. „Die jetzigen Angriffe sind im Kontext einer Spirale der Eskalation zu sehen“, meint Weissenburger.

Diese reiche von schärfer werdender Anti-Saudi-Arabien-Rhetorik der Huthis über eine saudische Behinderung des Flugverkehrs in die und aus den von den Huthis kontrollierten Gebieten bis hin zu Angriffen auf den Flughafen Sanaa. Die Huthis erklärten eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien, es folgten Angriffe auf Schiffe im Roten Meer und zuletzt immer wieder auf Ölraffinerien in Saudi-Arabien.

Laut Weissenburger wollen die Huthis mit ihrer Eskalation Zugeständnisse erwirken, etwa „ein höheres Maß an Souveränität und internationaler Anerkennung“. Denn die Situation im Jemen sei für die Bevölkerung nach wie vor schlecht, der Großteil des Landes ist von Hunger betroffen. Der Konflikt helfe den Huthis, sich als Verteidiger des Jemen gegen „externe Feinde“ darzustellen und von innenpolitischen Problemen abzulenken, sagt Weissenburger.

Macht innerhalb Achse des Widerstands

Geopolitisch gesehen werden die Huthis oft als Stellvertreter des Iran betrachtet. Trotz der engen Beziehungen zum Iran greift die Bezeichnung nach Einschätzung des Experten aber zu kurz. Zwar unterstütze Teheran die Huthis seit deren Machtübernahme im Jemen mit Geld, Ausbildung sowie Know-how für den Bau und Einsatz von Raketen und Drohnen. Das Ausmaß der Unterstützung lasse sich Weissenburger zufolge jedoch nur schwer unabhängig beurteilen.

Was die Huthis aber für den Iran so wichtig macht, ist das verschobene Kräfteverhältnis innerhalb der von der Islamischen Republik unterstützten Achse des Widerstands – deren Ziel die Vernichtung Israels und die Vertreibung der USA aus der Region ist: „Ihr Stellenwert ist natürlich massiv gestiegen, weil die (beiden Terrorgruppen, Anm.) Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen geschwächt sind“, sagt Weissenburger.

Angriffe im Roten Meer als Druckmittel

Zudem unterscheiden sich die Huthis von vielen anderen bewaffneten Gruppen in der Region dahingehend, dass sie nicht nur über militärische Fähigkeiten, sondern auch über politische und staatliche Strukturen verfügen. Die Huthis handeln daher nicht notwendigerweise nach iranischen Vorgaben, sondern sind laut Weissenburger ein „stabiler politischer Akteur mit eigenen Interessen in der Region“ und daher „mehr als nur eine Marionette Teherans“.

Ausschlaggebend dafür ist nicht zuletzt ihre Fähigkeit, die internationale Schifffahrt an der Meerenge des Bab al-Mandab (dt. Tor der Tränen) im Roten Meer mit Angriffen unter Druck zu setzen – es handelt sich neben der vom Iran blockierten Straße von Hormus um eine weitere der weltweit wichtigsten Handelsrouten. Zuletzt brachte die Bewegung etwa eine Art Transitgebühr für Schiffe im Roten Meer ins Spiel.

Auch China spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Peking ist auf stabile Energieimporte aus der Region angewiesen und hat ein Interesse daran, dass die Handelswege offen bleiben. Nach Einschätzung des Experten stehen die Huthis deshalb wohl auch mit China in Kontakt.

Heikle Situation für Saudi-Arabien

Besonders heikel ist die Situation für Saudi-Arabien. Das Königreich hat jahrelang militärisch gegen die Huthis gekämpft, unterstützt weiterhin die international anerkannte Regierung und versuchte gleichzeitig, den Jemen-Konflikt zu stabilisieren. An einem erneuten vollständigen Zusammenbruch des Jemen kann Saudi-Arabien kaum Interesse haben: Das Land ist das bevölkerungsreichste Land der Arabischen Halbinsel und grenzt direkt an das Königreich. Die jüngste Eskalation bringt Riad deshalb in eine schwierige Lage.

Saudi-Arabien steht zugleich selbst durch iranische Angriffe unter Druck und muss verhindern, dass sich die Huthis zu einem dauerhaften zusätzlichen Sicherheitsproblem entwickeln. Eine militärische Antwort könnte die Eskalation weiter antreiben, ein Ausbleiben einer Reaktion wiederum die Huthis stärken. Auch die USA und Israel sind in dieses Machtgefüge eingebunden. Die USA sind ein zentraler Verbündeter Saudi-Arabiens, während die Huthis Israel schon seit Beginn des Gaza-Krieges immer wieder angegriffen haben.

Für Iran wertvoll, aber schwer kontrollierbar

Auch der zuletzt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan geschlossene Militärpakt ist vor diesem Hintergrund relevant. Er scheint laut Weissenburger vor allem „der Eindämmung iranischen Einflusses in der Region“ zu dienen. Gleichzeitig zeige er das fehlende Vertrauen regionaler Verbündeter in die USA als Schutzmacht und vertiefe die Verwerfungen zwischen den regionalen Machtblöcken.

Damit sind die Huthis heute weit mehr als ein verlängerter Arm Teherans. Ihre Bedeutung beruht auf einer Kombination aus iranischer Unterstützung, eigener Machtbasis, territorialer Kontrolle und der Fähigkeit, eine strategisch wichtige Region bzw. internationale Handelsroute unter Druck zu setzen. Genau diese Mischung macht sie für den Iran wertvoll, aber zugleich auch schwer kontrollierbar.