„Es ist eine schöne Arbeit, das kann man ruhig dazu sagen, aber erstens einmal unbezahlt und vor allem gibt es auch keine Arbeitszeitgrenze, wenn man sich um Kinder kümmert“, fuhr die AK-Chefin fort. Unbezahlte Sorgearbeit werde weiterhin zu einem Großteil von Frauen übernommen, sagte sie auch. Dass sich Stocker für seine Aussage entschuldigt habe, sei „gut“, nun aber müssten Taten folgen, so Anderl.
Stocker war am Freitag nach breiter Kritik an seiner Aussage zur Kinderbetreuung, die er im Rahmen seiner „Sommertour“ in Salzburg getroffen hatte, zurückgerudert: „Bei all jenen, die sich durch meine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich in aller Deutlichkeit. Kinderbetreuung ist Arbeit. Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges“, teilte er mit.
Anderl: „Care-Arbeit nach wie vor in Frauenhand“
ÖVP-Chef Christian Stocker hat mit der Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, für Aufregung gesorgt. AK-Präsidentin Renate Anderl kritisiert im Ö1-„Journal zu Gast“ das dahinterstehende Rollenbild scharf: Unbezahlte Care-Arbeit bleibe weiterhin eine reine „Hundsarbeit“ in Frauenhand.
Am Donnerstag hatte Stocker seine Worte noch ganz anders gewählt: Eine Frau im Publikum fragte Stocker, wie er Frauen und Kinder im Alltag unterstützen wolle – auf der einen Seite werde mehr Erwerbsarbeit gefordert, auf der anderen Seite die unbezahlte Arbeit von Frauen aber nicht gesehen. Darauf sagte er: „Also Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung für mich … Ich würde das nicht als Arbeit sehen. Ich sag’s ganz ehrlich.“
„Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen“
Im Saal sorgte das für Diskussionen, die Fragestellerin verwies darauf, dass Frauen im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit leisten. Darauf erwiderte Stocker: „Schauen Sie, wir müssen nicht einer Meinung sein, ich will Ihnen nur mitgeben: Aus meiner Sicht ist eine Familie nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen.“
„Ich sag’s dazu, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe. Familie ist Verantwortung füreinander, Familie ist, Ja zueinander zu sagen, und Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel, was kriege ich dafür“, so Stocker.
Aussage zu Kinderbetreuung: Stocker rudert zurück
Mit der Aussage, Kinderbetreuung sei nicht als Arbeit zu sehen, hat Bundeskanzler Christian Stocker eine heftige Debatte über sein Familienbild ausgelöst. Wenige Stunden später entschuldigte sich Stocker öffentlich in aller Deutlichkeit. Die Diskussion über seine Aussagen ist damit jedoch nicht beendet.
In einer Aussendung und einem Videostatement am Freitag führte Stocker dann aus, dass Familie „kein Unternehmen und kein Job“ sei, „wo man nach getaner Arbeit das Büro verlässt. Der Lohn ist nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und in unzähligen gemeinsamen Momenten.“ Auch er selbst wisse, wie „sehr einen diese Aufgabe fordert“, dennoch sei Familie „nun mal kein Business Case“, so der Kanzler.
Weiter viel Kritik
Von Regierungspartnern und Opposition kam breite Kritik. Mehrere FPÖ-Politiker verurteilten am Samstag neuerlich die Aussagen Stockers. „Es ist kein Lapsus, den Stocker von sich gegeben hat. Es ist das System der ÖVP, in dem Frauen, Kinder, Familien und Menschen nichts wert sind“, teilte unter anderem FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz per Aussendung mit.
Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) beließ es bei indirekter Kritik. „Kinderbetreuung ist Arbeit“, schrieb er auf Bluesky. Millionen Eltern – vor allem Frauen – leisteten diese Arbeit jeden Tag: „Das dürfen wir weder kleinreden noch unsichtbar machen.“ Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) zeigte auf Bluesky eine Grafik, laut der 65 Prozent der unbezahlten Arbeit auf Frauen entfallen. „Ist das gerecht oder liegt es am Geschlecht?“ Die Zahlen sprächen eine klare Sprache.
NEOS-Chefin und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger fand es „gut, dass der Bundeskanzler die Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, richtiggestellt hat“. Für sie als Mutter von drei Kindern sei klar, dass es besonders herausfordernd sei, Kinder großzuziehen und erwerbstätig zu sein. Mütter verdienten keine Verhöhnung, sondern eine Entschuldigung, teilte Grünen-Chefin Leonore Gewessler via Bluesky mit.
Journalistinnen: Stockers Familienbild ist nicht im 21. Jahrhundert angekommen
Die Journalistinnen Katharina Mittelstädt und Johanna Hager sehen in Stockers Aussage mehr als einen harmlosen Versprecher. Sie verweisen auf ein konservatives Familienbild des Kanzlers, das mit der Lebensrealität vieler Menschen kollidiere.
AK-Chefin will Ausbau von Kinderbildungseinrichtungen
AK-Chefin Anderl fordert angesichts der Debatte unter anderem, dass Teilzeitarbeitende den gleichen Überstundenzuschlag wie Vollzeitarbeitende erhalten. Außerdem sprach sie sich für den Ausbau von Kinderbildungseinrichtungen aus. Dafür, dass sich die SPÖ in der Regierung nicht mit ihrer Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Stundenaufstockung bei Teilzeitarbeit durchsetzt, zeigte sie Verständnis: „Zu dritt ist es halt schwieriger.“
Ihre Partei rief sie zu Geschlossenheit auf. „Das fehlt mir derzeit bei der Sozialdemokratie“, sagte sie unter anderem in Richtung von Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil, der Bundesparteichef Babler zuletzt indirekt den Rücktritt nahegelegt hat. Die SPÖ müsse auch besser transportieren, wofür sie steht und was davon in der Bundesregierung umgesetzt wird.
SPÖ: Auch Anderl sieht „Feuer am Dach“
„Er hat recht, es ist Feuer am Dach“, sah Anderl wie Doskozil angesichts schlechter Umfragewerte und Wahlergebnisse Handlungsbedarf. „Aber ich möchte hier anmerken: Es liegt nicht immer an einer Person.“ Diskussionen – „ob es um den Parteivorsitzenden geht, ob es um andere Themen geht“ – sollten in den Gremien geführt werden. Danach müsse die Partei „mit einer Sprache nach außen gehen, damit die Menschen auch uns wieder vertrauen“. Das fehle derzeit.
Gleichzeitig müsse die SPÖ auch dann in die Offensive gehen, wenn sie sich mit ihren Forderungen nicht durchsetzen kann, wie zuletzt bei den Maßnahmen gegen das „Zwischenparken“ von Arbeitnehmern beim AMS. „Verhindern tut es nicht die Sozialdemokratie, verhindern tun es die anderen Parteien“, betonte die Gewerkschafterin. Dabei sei nicht nur die Parteispitze gefragt, sondern alle neun Bundesländer.