Farage, der Vorsitzende der Partei Reform UK, hatte Anfang Juli sein Parlamentsmandat niedergelegt, um so offizielle Untersuchungen zu zwei großen finanziellen Zuwendungen vorläufig zu verhindern. Der 62-Jährige löste so die Nachwahl aus, bei der er sich neue demokratische Legitimation gegen die arrivierten Parteien, das „Establishment“, wie er es nennt, holen wollte.
Selbst ihm freundlich gesonnene Beobachter wie Journalisten der Boulevardzeitung „Daily Mail“ sprachen von einem schweren politischen Fehler. Denn sämtliche Parlamentsparteien entschieden sich gegen eine Kandidatur. Und so blieb als stärkster Gegner ausgerechnet der vom Comedian Jonathan Harvey verkörperte Spaßkandidat „Count Binface“, ein „intergalaktischer Weltraumkrieger“ mit einem namensgebenden Mistkübel als Helm.
Hype um „Binface“
Gegen einen sprechenden Mistkübel anzutreten, gilt nicht unbedingt als politischer Hauptgewinn, noch dazu entpuppte sich der wortgewandte „Binface“ schnell als eloquenter und kluger Interviewpartner, der von den Medien entsprechend gehypt wurde. Unzählige Memes überschwemmten auch rasch sämtliche sozialen Netzwerke. In einer landesweiten Ipsos-Umfrage erreichte der Spaßkandidat mit einem Oxford-Abschluss eine Unterstützungsquote von 33 Prozent, Farage kam auf 21 Prozent.
34 Kandidatinnen und Kandidaten
Entscheidend sind allerdings nur die rund 75.000 Wahlberechtigen in Clacton, die einzige publizierte Umfrage von Survation sieht dort Farage mit klaren 73 Prozent voran. „Binface“ kommt auf immerhin 20 Prozent, der Rest verteilt sich auf 32 weitere Kandidatinnen und Kandidaten – ein Rekord in der britischen Wahlhistorie. Allein für die Spaßpartei The Official Monster Raving Loony Party treten drei Kandidaten an. Ebenfalls auf dem Stimmzettel zu finden ist Laurence Fox, ehemaliger Schauspieler („Lewis“) und mittlerweile Gründer der rechtsnationalistischen Partei Reclaim.
Wahlbezirk als wirtschaftlicher Nachzügler
Bei der Parlamentswahl 2024 war Farage sehr überraschend für Reform UK angetreten. Dass er sich den Wahlbezirk Clacton dafür auserkoren hat, war wohl nicht zufällig: 70 Prozent hatten dort seinerzeit für den von Farage geforderten Brexit gestimmt, in wirtschaftlichen Kennzahlen liegt das Gebiet unter dem landesweiten Durchschnitt, berichtete die BBC unter Berufung auf die Nationale Statistikbehörde.
So sei ein Drittel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter „wirtschaftlich inaktiv“ – in ganz Ostengland sind es weniger als ein Fünftel. Das Durchschnittsalter liegt mit 50 Jahren ganze zehn Jahre über dem landesweiten Schnitt.
Dubiose Geldflüsse
Das Clacton-Eigentor ließ Reform UK in landesweiten Umfragen zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr auf Platz zwei hinter Labour mit dem neuen Parteichef und Premier Andy Burnham zurückfallen. Auch Tory-Chefin Kemi Badenoch konnte zuletzt Boden gutmachen.
Doch auch bei einem Wahlsieg droht Farage weiteres Ungemach. Sobald er wieder einen Abgeordnetensitz hat, werden die parlamentarischen Untersuchungen wegen dubioser Geldflüsse fortgesetzt.
Konkret geht es um zwei Zahlungen. Im April 2024 erhielt er laut „Guardian“ eine persönliche Schenkung in Höhe von fünf Millionen Pfund von dem in Thailand ansässigen Kryptomilliardär Christopher Harborne, die er nicht offenlegte. Farage argumentiert, er sei zum Zeitpunkt der Schenkung ein „Influencer“ gewesen und habe noch nicht gewusst, dass er bei der Parlamentswahl am 4. Juli des Jahres antreten werde.
Meldepflicht verletzt
Medienberichte zufolge gab es aber schon im März und April Gespräche, dass er für Reform UK ins Rennen gehen werde. Dabei soll er laut Medienberichten gesagt haben, dass er „eine Million pro Jahr“ benötige, um die Verdienstausfälle auszugleichen. Nach den parlamentarischen Regeln müssen neu gewählte Abgeordnete ohnehin alle finanziellen Zuwendungen, die sie in den zwölf Monaten vor ihrer Wahl erhalten haben, registrieren.
Eine zweite nicht deklarierte Spende umfasst rund 1,5 Millionen Pfund, die in mehreren Tranchen zu Reform UK kam. Sie stammt von George Cottrell, einem wegen Betrugs verurteilten Kryptounternehmer und engen Freund Farages. Er überwies das Geld via Kryptobörsen an seine Mutter, die es wiederum über eine zwischengeschaltete Firma an die Partei überwies.
Welche parlamentarischen Sanktionen Farage drohen, ist unklar. Möglich ist eine Suspendierung als Abgeordneter. Clacton müsste dann gleich noch einmal wählen. Allerdings ermitteln auch auch die Strafverfolgungsbehörden zu den Spenden – wegen möglicher Geldwäsche.