Schon vor der Verkündung des Ergebnisses erklärte sich Farage zum klaren Gewinner. Der offiziellen Veranstaltung, bei der sein Sieg verkündet wurde, blieb er allerdings fern. Seinen Angaben zufolge informierte ihn die örtliche Polizei über eine geplante Kampagne gegen ihn, ein Reform-Sprecher sprach laut BBC gar von einer „glaubwürdigen Drohung“.
Nach Informationen der Nachrichtenagentur PA hatte die Polizei von Essex allerdings keinem Kandidaten von der Teilnahme an der Auszählung abgeraten.
Farage sagt Rede ab
„Das Ergebnis in Clacton spricht für sich“, schrieb Farage nach der Bekanntgabe knapp auf X. Eine für den Vormittag geplante Rede in Clacton wurde abgesagt, wie mehrere britische Medien unter Berufung auf ein Statement von Reform UK berichten.
Ausgelöst wurde die Nachwahl von Farage selbst. Erst vor wenigen Wochen gab der auch als „Mr. Brexit“ bekannte Politiker seinen Parlamentssitz in einer politischen Volte ab. Zuvor war er unter anderem wegen eines umstrittenen Geldgeschenks in die Schlagzeilen und schließlich in den Fokus einer parlamentarischen Untersuchung geraten.
Untersuchung nach Abgang ausgesetzt
Wie der „Guardian“ zuletzt enthüllte, erhielt Farage kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 2024 ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (rund 5,9 Mio. Euro), das er nicht als Spende deklariert hatte. Seinen Angaben nach handelte es sich um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen.
Der Vorgang wurde vom Beauftragten für parlamentarische Standards untersucht. Nach Farages Abgang wurde die Untersuchung jedoch ausgesetzt. Die Wählerinnen und Wähler sollten über sein Handeln entscheiden, sagte er vor wenigen Wochen bei seinem Rücktritt.
Spiel auf Zeit
Doch es handelt sich offenbar nur um ein Spiel auf Zeit. Die Untersuchung gegen Farage wird britischen Medienberichten zufolge mit seinem Einzug ins Unterhaus aller Voraussicht nach wieder aufgenommen. Sollte dabei ein Vergehen des Reform-Politikers festgestellt werden, droht ihm im schlimmsten Fall ein Ausschluss aus dem Unterhaus – und die nächste Nachwahl mit ungewissem Ausgang.
Eine Untersuchung konnte er also nur kurzfristig zum Erliegen bringen. Mit dem Wahlsieg kann er nun jedoch seine Erzählung untermauern, den Wählerwillen in Clacton hinter sich zu haben.
Vorwurf des Ablenkungsmanövers
Farage hatte die Nachwahl als Duell zwischen den Wählern und dem politischen Establishment zu inszenieren versucht. Entwickelt hatte sich der Wahlkampf jedoch zu einer regelrechten Farce.
Alle großen Parteien verzichteten aus Protest darauf, einen Kandidaten oder eine Kandidatin aufzustellen, und warfen ihm ein Ablenkungsmanöver vor. Die Nachrichtenagentur PA sprach im Vorfeld von „einer der seltsamsten Nachwahlen der jüngeren Geschichte“.
„Count Binface“ tritt regelmäßig an
Trotz der vielfachen Kritik an den Umständen der Nachwahl fanden sich auf dem Wahlzettel neben Farage 33 weitere Kandidaten und Kandidatinnen. Durch die Absage etablierter Parteien galt als Hauptkonkurrent ausgerechnet der Spaßkandidat „Count Binface“ alias Jon Harvey.
„Count Binface“ tritt regelmäßig bei britischen Wahlen an. Er erinnert an eine Art Weltraumkrieger in einem vage an den Star-Wars-Bösewicht Darth Vader angelehnten Kostüm mit Umhang und Mülltonne als Helm.
Boris Johnson und „Lord Buckethead“
Britische Medien munkelten zuletzt, ob der in Großbritannien bekannte Komiker nicht doch für eine Überraschung sorgen könnte – denn Proteststimmen gegen Farages Manöver galten als möglich. Eine Umfrage im Kreis Clacton prophezeite jedoch bereits den deutlichen Sieg von Farage.
Spaßkandidaten wie „Count Binface“ haben in Großbritannien Tradition. Als der frühere Premier Boris Johnson 2019 seinen Sieg bei der Parlamentswahl feierte, tummelten sich neben dem Weltraumkrieger unter anderem noch ein Kandidat im Kostüm der Sesamstraßenfigur Elmo und „Lord Buckethead“ (Lord Kübelkopf) gemeinsam auf der Bühne mit dem siegreichen Kandidaten.
Abgänge als Spezialität Farages
Taktische Abgänge haben wiederum bei Farage Tradition. Kurz nach dem Brexit-Referendum 2016 trat Farage als Chef der UKIP-Partei ab – nur um später an der Spitze der neu gegründeten Brexit-Partei wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Die Partei wurde später in Reform UK umbenannt. Auch deren Vorsitz legte Farage nach dem EU-Austritt im Frühjahr 2021 nieder. Kurz vor der Parlamentswahl im Juli 2024 kehrte er dann an die Parteispitze zurück.
Reform UK lag in den vergangenen Monaten in Umfragen teils deutlich vorn und fuhr auch bei Wahlen Siege ein. Der Erfolg der Partei wird vor allem Farage persönlich zugeschrieben. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai gewannen die Rechtspopulisten Hunderte Mandate in weiten Teilen des Landes und stürzten so die Labour-Partei und Ex-Premier Keir Starmer in die Krise.
Labour hofft mit Burnham auf Aufschwung
Nach der Ernennung von Andy Burnham zum neuen Premierminister hofft Labour deshalb auf einen Umschwung. Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich das Stimmungsbild zumindest ein wenig gebessert haben dürfte. Teils liegt die Partei wieder vor Reform UK. Wie lange Burnhams Flitterwochen, wie es in britischen Medien oft heißt, anhalten, bleibt im politisch oft wechselhaften Großbritannien allerdings abzuwarten.
Die nächste reguläre Parlamentswahl im Vereinigten Königreich ist spätestens für 2029 angesetzt. Farage und seine Partei fordern seit dem Rücktritt von Ex-Premier Starmer immer wieder Neuwahlen.