Die Raketen aus nordkoreanischer Produktion kamen laut Selenskyj bei Angriffen auf die südukrainische Stadt Saporischschja zum Einsatz. In Saporischschja wurden ukrainischen Angaben zufolge mindestens sieben Menschen getötet und 24 verletzt. Der dortige Chef der Militärverwaltung, Iwan Fedorow, meldete auf Telegram einen „massiven“ russischen Angriff.
Laut Selenskyj wurden in der südukrainischen Stadt neben nordkoreanischen Raketen auch russische Hyperschall-Marschflugkörper vom Typ Zirkon eingesetzt. Diese haben eine Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern. Dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge galt der Angriff auf Saporischschja dem örtlichen Stahlwerk.
Erst vor wenigen Tagen hatte Selenskyj Russland vorgeworfen, den Einsatz Zehntausender nordkoreanischer Soldaten vorzubereiten. Es sei eine Entscheidung getroffen worden, 30.000 bis 50.000 Nordkoreaner auf russischem Territorium zu stationieren, schrieb Selenskyj, ohne eine Quelle zu nennen.
Moskau: Angriff auf Post und Lagerhaus in Kiew
Laut Moskau wurde bei dem Angriff in der Nacht auf Dienstag auch ein Sortierzentrum der ukrainischen Post in der Hauptstadt Kiew getroffen. Dieses habe auch „zur Lagerung und Verteilung von Drohnenbestandteilen gedient“, behauptete Russland. Außerdem sei in Kiew ein großes Lagerhaus mit etwa 50.000 Quadratmeter Fläche angegriffen worden, das laut Moskau als Drohnendepot diente.
Der Nachrichtenagentur AFP zufolge waren in der ukrainischen Hauptstadt kurz nach Mitternacht eine Serie von Explosionen zu hören. Die ukrainischen Behörden bestätigten Schäden an Lagerhallen in Kiew und im Landkreis Butscha westlich von Kiew. Dort habe es einen Verletzten gegeben.
Tote auch in anderen Landesteilen
Auch das Gebiet Dnipropetrowsk wurde getroffen: Russische Angriffe mit Drohnen und Artillerie töteten dort nach ukrainischen Behördenangaben mindestens drei Menschen. Weitere fünf seien verletzt worden, teilte Militärgouverneur Olexandr Hanscha auf Telegram mit. Unter den Toten sei auch ein 15-Jähriger.
Infolge eines russischen Angriffs sind auch im südukrainischen Gebiet Odessa mindestens zwei Menschen getötet worden. Drei weitere seien verletzt worden, teilte der Militärgouverneur der Region, Oleh Kiper, auf Telegram mit. Ein Tanklaster mit Ölresten und ein Auto seien in Brand geraten. Den Waffentyp nannte er nicht.
Auch in Sumy im Nordosten des Landes gab es nach ukrainischen Angaben einen Toten bei Raketenangriffen. Der Mann sei in einem Auto nahe einer Einschlagstelle unterwegs gewesen, berichtete die Nachrichtenagentur Ukrinform unter Berufung auf die regionale Militärverwaltung. Zudem seien 20 Wohngebäude und zivile Infrastruktur beschädigt bzw. zerstört worden.
Ukrainische Angriffe auf Wildberries-Lager
Die Ukraine setzte unterdessen bei neuen Drohnenangriffen im russischen Hinterland eine Lagerhalle des landesweit größten Onlineversandhändlers Wildberries in Brand. Im Gebiet Woronesch brannten Zehntausende Quadratmeter Lagerfläche, wie Gouverneur Alexander Gussew mitteilte.
Bei dem Angriff sei ein 49 Jahre alter Mann tödlich verletzt worden, es gebe auch zwei Verletzte, sagte Gussew. Die Anlagen des Logistikzentrums seien evakuiert worden, teilte Wildberries mit.
Auch Ölraffinerie getroffen
Im russischen Orsk im Gebiet Orenburg an der Grenze zu Kasachstan geriet nach Meldungen in den sozialen Netzwerken nach einem Drohnenangriff eine Ölraffinerie in Brand. Gouverneur Jewgeni Solnezew bestätigte lediglich, dass nach der Attacke ein Feuer in einem Industrieobjekt ausgebrochen sei. Er sagte nicht, dass es sich um eine Raffinerie gehandelt habe. Verletzte habe es keine gegeben.
Die Ukraine bestätigte den Angriff: Ziel sei die Raffinerie Orsknefteorgsintez gewesen, teilte das Militär auf Telegram mit. Die Raffinerie hat eine Verarbeitungskapazität von sechs Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Sie produziert Benzin, Diesel und Flugbenzin, Heizöl, Bitumen und andere Erdölprodukte. Orsk ist die zweitgrößte Stadt in Orenburg und ein wichtiges Industriezentrum.
Einen weiteren Brand in einer Ölraffinerie meldete die russische Staatsagentur TASS aus Komsomolsk am Amur, im äußersten Osten des Landes. Zur Ursache für das Feuer oder zu Drohnenangriffen in der Region gab es keine Angaben.
Ukraine fehlt es an Flugabwehr
Die Ukraine und Russland verstärkten in den vergangenen Wochen ihre Angriffe mit Waffen mit hoher Reichweite. Laut Medienberichten hat Russland den Einsatz von Raketen im Juli mehr als verdoppelt. Gleichzeitig fehlt es Kiew zunehmend an Luftabwehrsystemen.
Die Abwehr ballistischer Raketen sei eine der größten Schwachstellen der Ukraine, sagte Rob Lee, Experte der Denkfabrik Foreign Policy Research Institute. Russland versucht, diese Schwachstelle durch den verstärkten Einsatz ballistischer Raketen auszunutzen, die besonders schwer abzufangen sind.
Die Ukraine ist bei der Abwehr ballistischer Raketen vor allem vom US-Luftabwehrsystem Patriot abhängig. Infolge des Krieges der USA gegen den Iran fehlt es aber an Abwehrraketen für die US-Patriot-Systeme in der Ukraine.
Kiew hofft weiter auf Patriot-Lizenz
Erst beim NATO-Gipfel in der Türkei Anfang Juli hatte US-Präsident Donald Trump der Ukraine die Lizenz für die Produktion der Patriot-Systeme in der Ukraine versprochen. Ende Juli bremste er aber wieder die Erwartungen: Man müsse sehr vorsichtig sein, wem man eine solche Technologie überlasse. „Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird, aber wissen Sie, es gibt Leute, denen man diese Technologie gibt, und die sich eines Tages gegen einen wenden könnten“, sagte er.
Auch wenn Kiew die Lizenzen irgendwann bekäme, dürfte der Bau einer Produktionsstätte in der Ukraine und deren Inbetriebnahme Monate dauern. Zudem ist offen, ob überhaupt eine ausreichende Stückzahl produziert werden könne. Mitte Juli hatte Selenskyj als Mindestbedarf 300 dieser Raketen etwa für die drei Wintermonate angegeben.