Die Suchtrupps arbeiten weiter unter Hochdruck, um noch Lebenszeichen aufzuspüren. In den am schwersten betroffenen Städten Cali, Pereira, Manizales und Quibdo suchten die Rettungsteams die ganze Nacht hindurch, es war ein Rennen gegen die Zeit. Die ersten 48 bis 72 Stunden sind für die Bergung Überlebender entscheidend, vor allem, wenn kein Wasser zugänglich ist.

Die Zahl der Todesopfer stieg über 200. Zuletzt korrigierten die Behörden die Anzahl auf 216 nach unten. Das Beben der Stärke 7,4 hatte am Montag das Kaffeeanbaugebiet des Landes erschüttert und gilt als das verheerendste in Kolumbien in diesem Jahrhundert. Allein in den Städten Pereira und Cali wurden 101 bzw. 95 Todesfälle gemeldet.

Am Dienstag sprachen die Behörden von 195 Vermissten. In einer inoffiziellen Datenbank sind jedoch mehr als 4.000 Suchmeldungen eingegangen.

Rettungen als Lichtblick

Inmitten der zerstörten Gebäude gab es auch Erfolge: Eine 31-Jährige konnte nach rund 30 Stunden unter Bebentrümmern gerettet werden. Unter großem Jubel zogen die Einsatzkräfte Diana Troncoso aus dem Schutt. „Wir haben hart gearbeitet in einem ziemlich komplexen Szenario“, sagte Feuerwehrmann Santiago Sanchez gegenüber dem TV-Sender Caracol nach dem insgesamt rund 16-stündigen Rettungseinsatz.

Dabei habe sich das Bergungsteam „sieben oder acht Meter“ von oben nach unten vorarbeiten müssen, um Troncoso zu befreien. Sie war im zweiten Stock eines einstmals fünfstöckigen Gebäudes eingeklemmt. „Es ist etwas Wunderschönes. Ich werde immer dankbar sein“, so Troncosos Vater Alvaro.

Die 32-jährige Daniela Largo wurde am Mittwoch in Pereira lebend aus Gebäudetrümmern gerettet. „Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, als wir einen Anruf bekamen“, sagte Largos Mutter Sandra Milena Perez. Ein Anrainer hatte Hilferufe unter den Trümmern gehört. Er versammelte seine Nachbarn, um die Trümmer fortzuschaffen, bevor professionelle Einsatzkräfte dazustießen.

Auch ein Baby und sein Vater wurden im Westen Kolumbiens lebend aus einem eingestürzten Haus gerettet. Der Mann schützte das etwa zwei Monate alte Kind mit seinem Körper, als das fünfstöckige Gebäude kollabierte, wie kolumbianische Medien berichteten. Die Details der Rettung am Montag wurden jetzt bekannt.

Zwei Polizisten, die gerade in der Gegend waren, waren auf den Trümmerberg geklettert, berichtete Caracol. Anrainer halfen beim Ausgraben der Verschütteten. Sie hätten schließlich zu Vater und Sohn vordringen können. Ihr Zustand sei stabil, hieß es in den Berichten. Die Mutter und deren Bruder seien aber noch unter den Trümmern.

Erdbeben im Kolumbien: Wettlauf gegen die Zeit

In Kolumbien ist die Zahl der Todesopfer auf über 200 gestiegen. Mehr als 4.000 Menschen gelten nach dem Erdbeben als vermisst. Die Helfer kämpfen gegen die Zeit.

Krisen und Bürgerkrieg

Der neue Präsident Abelardo de la Espriella, der erst vor wenigen Tagen vereidigt wurde, besuchte die betroffenen Regionen und versprach den Opfern wirtschaftliche Unterstützung. Besonders in abgelegenen Gemeinden in der Pazifikregion Choco nahe dem Epizentrum gestaltete sich die Lage schwierig. Dort waren viele Menschen weiterhin ohne Strom und grundlegende Versorgung.

Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Laut Dekret sollen während dieser Zeit die Nationalflagge an allen öffentlichen Gebäuden im Land sowie an den kolumbianischen Auslandsvertretungen auf halbmast wehen, zu „Ehren aller verstorbenen Menschen“.

Die Verwüstung im Land stellt de la Espriella und seine Regierung vor große Herausforderungen. In vielen Gebieten wird die offizielle Reaktion auf die Katastrophe aufgrund der anhaltenden Krisen durch extreme Armut und Bürgerkrieg, die seit Jahrzehnten zu Vertreibungen führen, erschwert.

Friedensprozess hilft

Ein Friedensabkommen zwischen Rebellen und der Regierung aus dem Jahr 2016 sowie der andauernde bewaffnete Konflikt könnten es Hilfsorganisationen ermöglichen, Lebensmittel und andere Hilfsgüter schneller zu verteilen, sagte Maria Jose Torres, UNO-Koordinatorin in Kolumbien. Hilfsorganisationen sind aufgrund des Friedensprozesses bereits in einigen Konfliktgebieten präsent. „Wir sind vor Ort. Daher hat sich unsere Fähigkeit, vor Ort zu sein und den Menschen zu helfen, meiner Meinung nach exponentiell verbessert“, erklärte Torres am Dienstag.

Gleichzeitig trafen weiterhin Hilfslieferungen aus anderen Ländern und von internationalen Hilfsorganisationen ein. Die USA boten über 15 Millionen US-Dollar (13 Mio. Euro) an Hilfsgeldern an, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte am Mittwoch Hilfen in Höhe von zwei Millionen Euro bereit. Am Montag hatte Brüssel bereits angekündigt, seinen Satellitendienst Copernicus zur Unterstützung der Rettungsmaßnahmen einzusetzen. Mexiko erklärte sich bereit, Hunderte von Such- und Gesundheitshelfern, tonnenweise medizinische Hilfsgüter und weitere Ausrüstung zu schicken.