Schon Ende Juli musste der erste Reaktorblock heruntergefahren werden, nun folgte der zweite. Normalerweise produziert das AKW rund ein Fünftel des rumänischen Strombedarfs. Das Land verhandelt derzeit mit der Ukraine und Bulgarien über Stromimporte, im schlimmsten Fall könne auch die Stromzufuhr für Großverbraucher aus der Industrie eingeschränkt werden, teilte Christian Busoi, Staatssekretär im Energieministerium, mit. Die Regierung rief für den gesamten August den Energienotstand aus.

Nicht ausgereicht hatte die Sprengung eines Felsens vor zehn Tagen. An einer Gabelung zweier Donau-Arme 50 Kilometer flussaufwärts vom AKW entfernt hatte die Armee den Felsen gesprengt und in vier Lastkähnen Geröll versenkt, um den Wasserzufluss besser steuern zu können. Diese Maßnahme kostete Schätzungen zufolge über zwei Mio. Euro, verlängerte den Betrieb des AKW aber nur um einige Tage, da der Wasserstand bei Cernavoda geringfügig gestiegen war.

Abschaltung „unausweichlich“

In den vergangenen Tagen wurden zudem rund 100.000 Kubikmeter Flussmaterial wie Sediment aus der Donau ausgebaggert. All diese Maßnahmen konnten aber die aktuelle Abschaltung nicht verhindern. Es ist die erste vollständige Abschaltung seit einer Dürre im Jahr 2003. Von der rumänischen Wasserbehörde hieß es Anfang der Woche, dass die Abschaltung mindestens zwei Wochen dauern könnte.

Diese Abschaltung sei „unausweichlich“, erklärte der stellvertretende Direktor der Behörde, Sorin Randazu. Er verwies am Dienstag bei 1.370 Kubikmetern pro Sekunde auf den niedrigsten Durchflusswert, den er je erlebt habe.

Einschränkungen auch in Ungarn

Der wegen mehrerer Hitzewellen und geringer Niederschläge niedrige Wasserstand der Donau und anderer Flüsse sorgt auch in Ungarn für eine angespannte Situation bei der Stromversorgung. Ministerpräsident Peter Magyar hatte Unternehmen, Gemeinden und Haushalte bereits dazu aufgerufen, ihren Stromverbrauch in den abendlichen Spitzenzeiten zu reduzieren.

Am Montag konnte das einzige ungarische AKW bei Paks wieder hochgefahren werden, da man nach Regenfällen in Österreich mit vorübergehend höheren Wasserpegeln gerechnet hatte. Davor war es aufgrund des Niedrigwassers der Donau nur mit etwa zehn Prozent seiner Kapazität gelaufen. Normalerweise deckt das AKW knapp die Hälfte des ungarischen Strombedarfs.

Da der höhere Wasserpegel nur vorübergehend sein wird, entschied die ungarische Regierung am Mittwoch, ähnlich der Vorgangsweise in Rumänien zwei 80 Meter lange Lastkähne in Bereitschaft zu halten. Deren kontrolliertes Versenken soll den Wasserstand der Donau kurzfristig um bis zu 20 Zentimeter anheben. Dadurch soll eine vollständige Abschaltung des AKW vermieden werden, wenn der Wasserpegel weiter zurückgeht. Langfristig soll durch den Bau einer Bodenbarriere verhindert werden, dass der Wasserstand der Donau am Kühlkanal des AKW unter die notwendige Schwelle sinkt.

Folgen für die Wirtschaft

Das fehlende Stromangebot müsse zu einem großen Teil auch aus Österreich importiert werden, meint Orsolya Nyeste, eine Analystin bei Erste Group Research. Das sei wegen der geringen Erzeugungskosten des AKW Paks vergleichsweise teuer und hat Konsequenzen für die ohnehin angeschlagene ungarische Wirtschaft. Magyar schätzt, dass die Energiekrise Ungarn rund 137 Mio. Euro kostet.

Ohne Gegenmaßnahmen dürften sich künftige kritische Niedrigwasserphasen für die Kühlwasserversorgung bei den AKWs in Rumänien und Ungarn deutlich verlängern, warnte Helmut Habersack vom Institut für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung an der BOKU – mehr dazu in science.ORF.at. Unter seiner Leitung arbeitet ein breites Forschungsteam bei dem Projekt DANUBE4all an einem Ansatz, wie an der Donau der Strom, das Gewässerbett und die Umgebung so gestaltet werden könnten, um die Nutzungen der Donau – von der Schifffahrt bis zur Stromproduktion – bestmöglich zu erhalten.

Quallen und Hitze bremsen französische AKWs

Mehrere Hitzewellen und Dürre machten auch der AKW-Stromversorgung in Frankreich zu schaffen. Die insgesamt 57 Reaktoren decken rund 70 Prozent des französischen Strombedarfs. Mehr als ein Fünftel der AKW-Kapazität ist derzeit außer Betrieb. Das geht aus AFP-Berechnungen auf Basis von Daten des Atomenergieunternehmens EDF hervor. Acht Reaktoren sind derzeit außer Betrieb, fünf laufen nicht mit voller Kraft.

EDF sagte allerdings mit Blick auf die Sicherheit, dass die Reaktoren trotz hoher Wassertemperaturen ohne erhöhtes Risiko betrieben werden könnten, die von der französischen Atomaufsichtsbehörde festgelegten Grenzwerte dienten dem „Schutz von Flora und Fauna“.

Neben fehlendem Kühlwasser musste das AKW Gravelines in Nordfrankreich, das größte AKW Westeuropas, drei der sechs Reaktoren abschalten und einen weiteren auf halbe Kraft herunterfahren. Ursache ist ein starkes Quallenaufkommen im Ärmelkanal, das die Meerwasserpumpen beeinträchtigt. Fachleuten zufolge häufen sich die Schwärme von Quallen auch aufgrund eines Anstiegs der Meerestemperaturen in Verbindung mit der globalen Erwärmung.