Weniger Appetit, ein längeres Sättigungsgefühl und ein stabilisierter Blutzuckerspiegel – ursprünglich wurden Wirkstoffe wie Semaglutid zur Behandlung von Diabetes entwickelt. 2022 wurde in der EU die erste „Abnehmspritze“ mit Semaglutid zugelassen, unter dem Handelsnamen Wegovy, und zwar für Patientinnen und Patienten mit Adipositas zur Unterstützung bei der Gewichtsreduktion. Seit einem Monat ist „Wegovy“ in der EU nun auch als „Abnehmpille“ zugelassen. In Deutschland soll das Medikament ab September erhältlich sein, in Österreich im Lauf der nächsten Monate.
Injektion als Hürde
Die „Abnehmspritzen“ müssen Patientinnen und Patienten einmal wöchentlich selbst injizieren. Schlägt die Therapie an, kann damit eine Reduktion des Körpergewichts von 15 bis 20 Prozent erreicht werden. Ähnliche, wenn auch etwas geringere Abnehmeffekte versprechen die Medikamente nun auch in Tablettenform. Wobei die Dosierung bei den „Abnehmpillen“ dafür sehr viel höher sein muss, sagt der Stoffwechselspezialist Florian Kiefer von der Medizinischen Universität Wien. „Weil die Bioverfügbarkeit bei oraler Einnahme schlechter ist, es gelangt also weniger Wirkstoff in die Blutbahn“, so Kiefer.
Bei den Wegovy-Tabletten müsse bei der Einnahme zudem einiges beachtet werden, sagt Kiefer. Sie muss morgens auf nüchternen Magen erfolgen, 30 bis 60 Minuten vor der ersten Mahlzeit. „Und das Medikament muss auch mit einer bestimmten Menge Wasser, nämlich circa 100 Milliliter Wasser, eingenommen werden“, so Kiefer weiter. All das soll sicherstellen, dass eine ausreichende Menge an Semaglutid in den Dünndarm gelangt, wo der Wirkstoff vom Körper aufgenommen wird.
Tabletten als Erhaltungstherapie
Trotz dieser Vorgaben habe die Tablettenform Vorteile, sagt Kiefer. Für manche Patientinnen und Patienten stelle die Verabreichung mittels Spritze ein Hindernis dar, hier könne die „Abnehmpille“ den Zugang zur Therapie erleichtern. Auch auf Reisen haben die Tabletten Vorteile, denn die Injektionen müssen durchgehend gekühlt gelagert werden. Nach Ansicht des Mediziners könnte die Tablette einerseits den Therapieeinstieg erleichtern, andererseits dazu genutzt werden, die Gewichtsreduktion nach einer Therapie mit Injektionen zu halten.
Denn, das haben mittlerweile einige Studien gezeigt, wird die medikamentöse Behandlung nicht von weiteren therapeutischen Maßnahmen wie Ernährungsumstellung, Krafttraining oder Psychotherapie begleitet, ist die Wahrscheinlichkeit eines Jo-Jo-Effekts, also einer erneuten Gewichtszunahme, hoch. Deswegen müsse eine Therapie mit solchen Medikamenten immer ärztlich begleitet werden, wie die Internistin Bianca Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositasgesellschaft, im Ö1Mittagsjournal betont. Auch wegen der Nebenwirkungen, die bei „Abnehmspritzen“ und „Abnehmpillen“ gleich sind, brauche es unbedingt eine therapiebegleitende Betreuung.
Nebenwirkungen vergleichbar
„Das Nebenwirkungsprofil ist qualitativ gleich und auch quantitativ vergleichbar mit dem der Spritze“, so Itariu. Es kann also zu Übelkeit, Verdauungsproblemen oder auch Gallensteinen kommen bzw. zu Nährstoffmangel oder auch Muskelschwund. Wann Wegovy als Abnehmpille in Österreich auf den Markt kommt und zu welchem Preis, steht noch nicht fest. Man arbeite derzeit an der schrittweisen Einführung in den EU-Ländern, heißt es dazu vom Hersteller Novo Nordisk auf Anfrage von Ö1. Unklar ist auch, ob die heimischen Krankenkassen die Kosten für diese Adipositas-Therapie übernehmen werden. Bisher ist das bei den „Abnehmspritzen“ nur in Ausnahmefällen so.
Die Österreichische Adipositasgesellschaft würde eine solche Kostenübernahme für Menschen mit starkem Übergewicht begrüßen. Denn für viele Betroffene stellt der hohe Preis der Medikamente eine wesentlich größere Hürde beim Therapiezugang dar als die Verabreichungsform. In Frankreich etwa wurde die medikamentöse Adipositas-Therapie im Juni 2026 als Kassenleistung eingerichtet und Adipositas als chronische Erkrankung, die Langzeittherapien notwendig macht, anerkannt. „Es wäre sinnvoll, wenn eine solche Erstattung nach klaren medizinischen Kriterien auch in Österreich möglich wäre“, so Itariu.
Hohe Kosten und Missbrauch
Für diese Kriterien ist bis dato der Body-Mass-Index (BMI) ausschlaggebend, konkret ein BMI von 40 und mehr oder ein BMI von 35 mit Begleiterkrankungen. Einer neuen Studie aus den USA zufolge sollte der Bauchumfang in diesen Kriterien zusätzlich eine Rolle spielen. Demnach haben Personen mit einem großen Bauchumfang, also mit viel viszeralem Fett, auch bei Normalgewicht ein stark erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen.
Diese Kriterien für die Anwendung solcher Abnehmmedikamente sind auch im Zusammenhang mit Missbrauch wichtig. Denn obwohl die Medikamente nur für die Behandlung von Adipositas zugelassen sind, kommt es auch zu missbräuchlichem Einsatz als Lifestyle- oder Anti-Aging-Produkt. Verbunden mit dieser Nachfrage steigt das Risiko von illegalen Online-Angeboten und Medikamentenfälschungen, die als Tabletten wesentlich leichter hergestellt werden können als in Spritzenform.