Die Schlussetappe war wegen der Waldbrände in der Region auf 89 Kilometer verkürzt und vollständig in Paris ausgetragen worden. Mit drei Runden und drei knackigen Anstiegen in Montmartre wurde den unzähligen Fans noch einmal alles geboten. Die bisher Besten – auch Pogacar – zeigten sich angriffsfreudig und boten eine große Show.

Die Zeit für das Gesamtklassement war 48 Kilometer vor dem Ziel angehalten worden. Somit konnten auch die Topstars auf dem Kopfsteinpflasterkurs voll angreifen. Bei der dritten Auffahrt nach Montmartre setzten sich Pogacar und Van der Poel ab und kämpften sich im Paarzeitfahren in Richtung Ziel.

Auf dem letzten Kilometer musste Pogacar reißen lassen und wurde von den Verfolgern gestellt. Van der Poel zog durch und feierte seinen insgesamt vierten Tour-Etappensieg vor seinem Teamkollegen Jasper Philipssen (BEL) und dem Dänen Mads Pedersen (Lidl-Trek). Pogacar kam als 30. über die Ziellinie.

Mehr als drei Wochen Spannung

Die einzelnen Wertungstrikots waren wie Gelb vor der Schlussetappe vergeben. Das Bergtrikot ging an den zweifachen Etappensieger Richard Carapaz aus Ecuador (EF Education), das Grüne Punktetrikot an Pedersen, im Weißen Trikot des besten Jungprofis kam Del Toro nach Paris.

Der Österreicher Felix Großschartner beendete seine vierte Tour als einer der wichtigsten Helfer von Pogacar auf Platz 32. Sein Landsmann Marco Haller (147.) gab den „Road Captain“ für das Tudor-Team. Der Routinier aus Kärnten schaffte seine bereits elfte Zielankunft bei der Tour de France.

Fünfter Triumph für Pogacar

Superstar Tadej Pogacar hat erneut Geschichte geschrieben. Die Schlussetappe der Tour de France wurde zum großen Triumphzug des Slowenen, er jubelte über seinen fünften Gesamtsieg.

Für Dominator Pogacar ging das dreiwöchige Frankreich-Abenteuer mit an Dominanz kaum zu überbietenden Solosiegen, beeindruckenden Klettershows in den Bergen, Rekorden, aber auch Dopingkontrollen um 5.00 Uhr Früh wie erwartet im Leadertrikot triumphal und unerwartet spektakulär zu Ende.

Der legendäre Eddy Merckx hatte Pogacar im exquisiten Kreis der Fünffachsieger mit den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie dem Spanier Miguel Indurain bereits davor willkommen geheißen. Das sei aber noch nicht das Ende. „Ich glaube nicht, dass er sich damit begnügen wird, mit mir und den anderen Champions gleichzuziehen. Bald wird er unseren Rekord brechen“, sagte der 81-jährige Belgier.

Unantastbar in den Bergen

Wer soll Pogacar auch schlagen? In den Bergen war es jedenfalls eine „mission impossible“, wie Doppelolympiasieger Evenepoel eingestand. Wenn der Weltmeister antrat, leisteten seine Rivalen nicht einmal mehr Gegenwehr. So wie bei seinem Meisterstück auf den 21 berühmtesten Serpentinen der Welt nach Alpe d’Huez hinauf, als Pogacar dreieinhalb Minuten auf eine starke Ausreißergruppe aufholte.

Damit pulverisierte er auch den 31 Jahre währenden Rekord von Marco Pantani. 35:26 Minuten für den 13,8 Kilometer langen Schlussanstieg, ein Schnitt von mehr als 23 km/h, 1:24 Minuten schneller als 1995 die italienische Legende – für viele Experten eine unmenschliche Leistung.

„Rekorde interessieren mich nicht“

Schon am Col du Tourmalet in den Pyrenäen hatte Pogacar eine neue Bestleistung aufgestellt. „Rekorde interessieren mich nicht, es geht mir um den Sieg“, sagte Pogacar in seiner bescheidenen Art. Ähnlich wollte er auch seine Etappenerfolge in Les Angles, Gavarnoe-Gedre, Le Lioran und Le Markstein nicht überbewerten.

In Alpe d’Huez feierte er bereits seinen 26. Tour-Etappensieg. Hätte er nicht zwischendurch auch seinen Teamkollegen Del Toro unterstützt, wären es wohl noch mehr. Nur noch Ex-Sprintstar Mark Cavendish (35), Merckx (34) und Hinault (28) stehen vor ihm. Geht der 27-Jährige in dem Tempo weiter zur Sache, könnte der Rekord schon in zwei Jahren fallen.

Pogacar setzte im Radsport so oder so neue Maßstäbe. Er kann Rennen mit langen Solofahrten oder zur Not auch im Sprint gewinnen. „Pogi ist inzwischen zu einer weltweiten Persönlichkeit geworden“, schwärmte sein Teamchef Mauro Gianetti: „Er hat die Aura und Charisma, er ist eine Ikone.“

Aufregung über Nachtkontrollen

Und bei der Tour hat er längst auch die Rolle des Patrons eingenommen, er ist nicht mehr nur der nette Junge aus Komenda wie bei seinem Debüt vor sechs Jahren. Meinungsstark vertritt er die Interessen des Pelotons, wenn es sein muss. Wie nach dem verhängnisvollen Sturz seines Rivalen Jonas Vingegaard, der nach einer nächtlichen Dopingkontrolle auf der 15. Etappe stürzte und einen Schlüsselbeinbruch erlitt. Pogacar mutmaßte, dass darin ein Zusammenhang bestanden haben könnte.

Neben Vingegaard wurde auch Pogacar nachts kontrolliert. Ein in Frankreich beispielloser Vorgang, der von einem Pariser Gericht genehmigt wurde. Gab es tatsächlich dafür notwendige Verdachtsmomente? Oder war Pogacars Leistung auf dem Rennrad Grund genug für solch ungewöhnliche Maßnahmen? Die Fragen blieben unbeantwortet.

Aufbruch zu neuen Zielen

Die Dominanz Pogacars gefällt jedenfalls nicht jedem. Auch am Straßenrand gab es bisweilen Buhrufe für den Unersättlichen. „Das macht uns nur stärker“, entgegnete Pogacar: „Wenn mich jemand ausbuht, denke ich an Novak Djokovic und lasse mich von ihm inspirieren.“ Auch der serbische Tennisstar hat nicht nur Anhänger. 99 Prozent der Leute seien ihm aber positiv gestimmt, merkte Pogacar an.

Jetzt kann der Slowene, der bis 2030 bei UAE unter Vertrag steht, seine nächsten Ziele in Angriff nehmen. Von der Vuelta ist die Rede, die dreiwöchige Rundfahrt durch Spanien fehlt ihm tatsächlich noch in seiner langen Siegesliste. Auch der Frühjahrsklassiker Paris – Roubaix blieb ihm bei zwei zweiten Plätzen bisher verwehrt. Und dass Pogacar das Weltmeistertrikot neben Gelb besonders gut gefällt, ist allseits bekannt.

113. Tour de France

21. Etappe

Paris - Paris Champs Elysees (89 km): 1. Mathieu van der Poel NED 1:58:49 2. Jasper Philipsen BEL gl. Zeit 3. Mads Pedersen DEN -"- 4. Max Kanter GER -"- 5. Olav Kooij NED -"- 6. Matej Mohoric SLO -"- 7. Rick Pluimers NED -"- 8. Anthony Turgis FRA -"- 9. Milan Fretin BEL -"- 10. Clement Russo FRA -"- 16. Marco Haller AUT -"- 30. Tadej Pogacar SLO -"- 32. Remco Evenepoel BEL -"- 47. Paul Seixas FRA -"- 140. Isaac Del Toro MEX -"- 141. Felix Großschartner AUT -"-