Die Übersiedlung war Ende Februar notwendig geworden, weil die MA 11 die bisherige WG des Mädchens geschlossen hatte. Als Grund dafür nannte die zuständige Stadträtin Bettina Emmerling (NEOS) schwerwiegende fachliche Mängel. Ein Vorwurf lautete offenbar, dass die Kinder nicht unterrichtet wurden.
Umziehen musste daher auch ein verhaltensauffälliges Mädchen aus Tirol. Die Zwölfjährige gilt wegen vermuteter schwerer Missbrauchserfahrungen als traumatisiert. Sie soll stark negativ auf Männer reagieren und deshalb nicht von Männern betreut werden, so zumindest die Darstellung der ehemaligen WG des Vereins Pro Child in Wien.
Keri: „Für mich ist das ein satanistisches Aussehen“
Daran habe man sich aber nicht gehalten, als das Mädchen von dort abgeholt und in eine neue Wohngemeinschaft gebracht werden sollte, kritisierte ÖVP-Wien-Jugendsprecherin Sabine Keri. Ihr wurden Gedächtnisprotokolle des Vorfalls zugespielt. „Es war ganz klar kommuniziert, dass das Mädchen nicht von einem Mann abgeholt werden soll. Und dann kommt auch noch ein Mann, der Druck ausübt“, so Keri.
Auch die potenziell angsterregenden Tätowierungen im Gesicht des Sozialarbeiters dürften eine Rolle gespielt haben, meinte die ÖVP-Politikerin: „Also für mich ist das ein satanistisches Aussehen. Und ich kann doch nicht jemanden mit schwer traumatisierten Kindern arbeiten lassen, der so aussieht.“
MA-11-Sprecherin verteidigt Aussehen von Sozialarbeiter
Bei dem Sozialarbeiter handelt es sich um den Geschäftsführer des Trägervereins der Wohngemeinschaft. Er bezeichnete derartige Aussagen als diffamierend; er sei kein Satanist. Kleine Hörnchen auf dem Kopf, die er manchmal trage, habe er bei der Abholung nicht aufgehabt.
Die Wiener MA 11 hat die Einrichtungen des Vereins genehmigt. Das Aussehen des Sozialarbeiters könne Vorteile haben, sagte die Sprecherin der MA 11, Ingrid Pöschmann, „nämlich den Kindern zu zeigen: Schau, ich bin anders, du bist es auch, und ich gebe dir hier einen Platz in der Gesellschaft. Das sind Kinder, die gelernt haben, dass sie so, wie sie sind, nicht akzeptiert werden. Es ist ein sehr individueller Weg, ein sehr kreativer Weg.“
Zwölfjährige erlitt Knochenbrüche
Die Zwölfjährige sprang in einem unbeobachteten Zeitpunkt aus dem nicht versperrten Fenster. Sie überlebte, aber erlitt Knochenbrüche. Stadträtin Emmerling lässt den Vorfall nun prüfen. Für sie gibt es bisher aber keine Anhaltspunkte, dass das Mädchen aus Angst vor dem Sozialarbeiter sprang.
Der Mann und eine Betreuerin hätten schon am Vortag und auch bei der Abholung mit dem Mädchen gesprochen, so Emmerling. Also sei ein Erschrecken über sein Aussehen wohl nicht der Grund für den Sprung gewesen, sondern, dass das Kind nicht Wohnort und Betreuung wechseln wollte. Zudem sei das Mädchen vor dem Vorfall auch bei einem männlichen Betreuer in der WG gewesen, wie die Stadträtin schon am Dienstag gegenüber der ZIB2 gesagt hatte.
Emmerling: „Fenster müssen verschlossen sein“
Überhaupt könne eine Mit- oder Hauptverantwortung für den Sprung bei der Einrichtung Pro Child liegen, die von der MA 11 geschlossen wurde. „Dass dieses Fenster nicht versperrt war, das ist etwas, was in Wohngemeinschaften nicht zulässig ist“, so Emmerling. „Das Fenster kann gekippt werden, aber prinzipiell, wenn ein Kind alleine in einem Zimmer ist“, müssten die Fenster verschlossen sein.
Offen ist für die Stadträtin noch, ob und wie deutlich tatsächlich kommuniziert war, dass das Mädchen nicht von einem Mann abgeholt werden sollte. Das werde noch geprüft. Das Mädchen sei nach einem Krankenhausaufenthalt jedenfalls wieder genesen. Die Zwölfjährige sei zunächst in einer erlebnispädagogischen Einrichtung in Niederösterreich gewesen und jetzt in einer Wohngemeinschaft in Wien. Dort fühle sie sich sehr wohl: „Dem Mädchen geht es gut.“
Wiens Jugendstadträtin Emmerling im ZIB2-Interview
Wiens Jugendstadträtin und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (NEOS) sprach im Interview unter anderem über aktuelle Vorfälle in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11).
Debatte über Verwandtschaftsverhältnis
Für politische Debatten sorgt in dem Fall auch, dass es sich bei dem Chef des neuen Trägervereins um den Sohn eines der obersten Personalvertreter in der MA 11 handelt. ÖVP und Freiheitliche kritisierten das scharf, denn die Aufträge für den Verein stiegen zuletzt stark.
„Dass es dieses Verwandtschaftsverhältnis gibt, war von Anfang an offengelegt“, so Emmerling dazu in der ZIB2. Der Personalvertreter habe bei der Beauftragung keinerlei Entscheidungsgewalt und Befugnisse gehabt. Weil man einem anderen WG-Träger kündigen musste, habe man einen neuen gesucht. Der neue Verein sei bisher schon von drei anderen Bundesländern beauftragt worden: „Die haben uns berichtet, dass sie sehr gute Erfahrungen machen, und deswegen haben wir diesen Verein auch in Betracht gezogen.“