Konkret sagte Lazare Eloundou Assomo, Direktor des Welterbes: „Wir werden natürlich gemeinsam mit der Vertragspartei (Österreich, Anm.) prüfen, wie wir sie weiterhin unterstützen und mit ihr zusammenarbeiten können, um zu versuchen, eine Entscheidung umzusetzen, die sehr, sehr schwer, ja fast unmöglich umzusetzen ist.“

Schließlich sei es „das erste Mal in der Geschichte der Konvention, dass eine Stätte entgegen der Empfehlung des Sekretariats (UNESCO-Welterbezentrum, Anm.) sowie der beratenden Gremien (ICOMOS, Anm.) von der Liste der gefährdeten Stätten gestrichen wurde“. Auch die Schweiz und Grenada, zwei der 21 Mitglieder im Welterbekomitee, distanzierten sich von der Entscheidung.

FPÖ Wien: Kritik an „intensivem Lobbying“

Tatsächlich hatte der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS), der die UNESCO berät, im Vorfeld der Sitzung mittels „Draft Decision“ dafür plädiert, Wien auf der roten Liste zu belassen. Bund und Wien hatten parallel allerdings auf diplomatischem Wege hinter den Kulissen versucht, möglichst viele Komiteemitglieder von der österreichischen Position zu überzeugen – augenscheinlich mit Erfolg.

Auch die FPÖ Wien kritisierte in einer Aussendung, dass SPÖ und NEOS gemeinsam mit der Bundesregierung „jahrelang intensives politisches Lobbying betrieben“ hätten, um das Prestigeprojekt doch noch durchzusetzen. „Offensichtlich wurde auf allen Ebenen Druck gemacht, damit am Ende die Interessen eines milliardenschweren Investors über den Schutz des Wiener Stadtbildes gestellt werden.“

Wolfgang Rehm von der Umweltorganisation Virus sprach in einer Aussendung gar von einem „Interventionsskandal“. Sachverhalt und Empfehlung des ICOMOS-Fachbeirates hätten sich nicht geändert, deshalb sei es „sehr verwunderlich, dass jetzt alles anders sein soll“. Und weiter: „Warum die österreichische Bundesregierung hier im Stil einer Bananenrepublik offensichtlich alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, nur um die Privatinteressen eines Mannes mit viel Geld an einem Bauprojekt am Wiener Heumarkt zu forcieren, ist aufklärungsbedürftig und wäre dringend zum Gegenstand eines Untersuchungsauschusses zu machen.“

Historische Zentrum Wiens seit 2017 „gefährdet“

Das historische Zentrum Wiens wurde 2017 als gefährdet eingestuft. Grund dafür war das Heumarkt-Bauvorhaben des Investors Michael Tojner und seiner Wertinvest, das ursprünglich mit einer Höhe von 73 Metern geplant war.

Die UNESCO kritisierte an dem Projekt, dass das Hochhaus den historischen Charakter der Wiener Innenstadt beeinträchtigen würde. Das Zentrum Wiens gehört wegen seines einzigartigen Stadtbildes mit Bauwerken aus Mittelalter, Barock und Gründerzeit seit 2001 zum UNESCO-Welterbe.

UVP noch ausständig

Nach mehreren Redimensionierungen sind für das Heumarkt-Gebäude nun 49,95 Meter vorgesehen. Diese Variante, die im Jahr 2023 vorgestellt wurde, muss noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchlaufen. Die Streichung von der roten Liste heiße „noch lange nicht“, dass das Städtebauvorhaben am Heumarkt umweltverträglich ist, reagierte Christian Schuhböck, Generalsekretär der Umweltorganisation „Alliance for Nature“, in Hinblick auf die ausstehende UVP.

Auch die ÖVP Wien appellierte, die offenen Fragen zum Heumarkt-Projekt und die noch ausstehende UVP weiterhin genau zu beobachten. Das Welterbe müsse künftig mit „mehr Verbindlichkeit und Weitblick geschützt werden“. Grundsätzlich sei die Entscheidung zwar eine gute Nachricht, „gleichzeitig bleiben aber wichtige Hausaufgaben offen“. Es bleibe auch festzuhalten, dass Wien durch den Umgang der Stadtregierung mit dem Heumarkt-Projekt und den UNESCO-Vorgaben überhaupt erst in diese Situation geraten sei.

SPÖ, NEOS und Grüne in Wien begrüßen Entscheidung

Aus der Stadt Wien selbst kamen indes lobende Worte. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sagte in einer Aussendung: „Wien hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um das historische Zentrum als UNESCO-Welterbe zu schützen und zugleich eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung unserer Stadt zu ermöglichen." Daher sei die Entscheidung zu begrüßen. „Damit ist sichergestellt, dass alle künftigen Lösungen im Rahmen der Stadtentwicklung den Wienerinnen und Wienern zugutekommen.“

Seitens NEOS in Wien hieß es, die Entscheidung sei für die Stadt von großer Bedeutung, „denn es ist ein wesentlicher Teil der Identität unserer Stadt und enorm wichtig – sowohl national als auch international. Unser Ziel war immer klar: Stadtentwicklung und Welterbeschutz sind kein Widerspruch und müssen Hand in Hand gehen.“ Diesen Weg werde man konsequent weiterverfolgen.

Auch die Wiener Grünen zeigten sich zufrieden. „Jetzt muss alles darangesetzt werden, dass Wien auch weiterhin den Verpflichtungen zum Erhalt des Welterbes nachkommt“, hieß es in einer Aussendung. Und weiter: „Die offenen Aufgaben müssen ernsthaft angegangen werden, damit die Innere Stadt ihre einzigartige Bausubstanz erhält und auch weiterhin Welterbestadt bleibt.“

Gratulation aus Wien

Sabine Haag, Präsidentin der österreichischen UNESCO-Kommission, gratulierte. Die Bemühungen der vergangenen Jahre hätten Früchte getragen. „Die Entscheidung des Welterbekomitees macht deutlich, dass für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes vor allem zwei Dinge zentral sind: Dialog und Kompromissbereitschaft. Neben der Redimensionierung des Projekts am Heumarkt ist die nunmehr deutlich stärkere Verankerung des Welterbes in den Verwaltungsprozessen der Stadt Wien ein zentrales und wesentliches Ergebnis der Entwicklungen der vergangenen Jahre“, hielt Haag in einer Aussendung fest.

Wertinvest: Projekt „soll die Stadt bereichern“

Wertinvest begrüßte die Streichung von der roten Liste. Möglich geworden sei das „durch eine gemeinsame diplomatische Kraftanstrengung“ des Außen- und Kulturministeriums sowie der Stadt Wien. Das Projekt „soll die Stadt bereichern und einen neuen Treffpunkt für die Wienerinnen und Wiener und Menschen aus aller Welt schaffen“, sagte Wertinvest-Eigentümer Tojner. „Die formalen Schritte werden aber natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Auch die UVP sieht man nicht als Hürde, sondern als Chance auf maximale Transparenz und Rechtssicherheit.